Classic Albums: Broken [Nine Inch Nails]
Markus, 9.2.2013
   Wir öffnen eine neue (Unter-)Rubrik in unserem Sammelsurium der Leiwand­heiten, es gibt davon ja noch viel zu wenig: LL-Almanach-Classic Albums!  Ein Review-Segment, das sich dem ältlichen Musikliebhaber förmlich aufdrängt. Im Zuge der betrüblichen Erkenntnis  an immer größer werdendem Desinteresse gegenüber neuen Bands und ihren VÖs zu laborieren, müssen wir uns wieder den alten Haudegen früherer Tage zuwenden. Man ist sich mittlerweile nämlich ziemlich sicher, dass alles was heute frisch auf den musikalischen Gabentisch kommt, nichts anderes als eine bemühte Replika der beiden kreativsten aller rockhistorischen Dekaden, nämlich der 80er und 90er ist. Hugh und gusch! Damit nehmen wir  nun eigentlich dieselbe Ungustl-Haltung wie jene grauschädlerten, nach billigem Weinbrand miachtelnden und sich rachitisch an der Budel festhaltenden Vis-à-vis unserer Jugend ein, die uns seinerzeit unaufgefordert und allerweil mit dem oberlehrerhaften Paradigma  im  Ohr lagen, dass nach den 60er/70ern, also Beatles/­Stones/Hendrix sowie  Black Sabbath/Led Zeppelin, zum Thema „Rock“ alles bereits gesagt wurde, was es zu sagen gab und dieser neumodische Jane`s Addic­tionAliceinChainsSoundgarden-Firlefanz doch nichts anderes als ein müdes Rip-Off oben genannter Formationen ist.  Langer Satz und sehr nachdenkliches Hmm...

   Wurscht. Wir befassen uns in unserer ersten Classic-Review sowieso mit einer „Band", besser gesagt einem Mann, der nie wie Zeppelin, die Stones oder ABBA klingen wollte: Trent Reznor. Der ist bekanntlich Nine Inch Nails (N.I.N.) und das bereits seit rund 25 Jahren. Die VÖ „Broken“ – eigentlich eine EP – entsprang dem Jahr 1992. Damit befand sich die Scheibe im Schwarzschildradius großer Umwälzungen punkto massenkompatibler Tunes. Im erweiterten Underground und seinem elitären Mikrokosmos von Aus­kenner-Clubs und  nerdigen Fanzines brodelte es  natürlich schon seit Mitte der 80er ganz gewaltig. Ab den unglaublich bedeutsamen frühen 90ern wurden schließlich zahlreiche jener unkonventionellen „Underground-Sensationen“  einer breiten Öffentlichkeit nahe gebracht und deren aktuelle Tonträger in das große Schwarze Loch kommerziell lukrativer Musik gesogen, dass einem dabei ganz schwindlig wurde: Jane`s Addiction – Ritual de lo habitual, Faith No More - The real thing , Red Hot Chili Peppers – Bloodsugarsexmagik, Primus – Sailing the seas of cheese, Nirvana  - Smells like teen spirit,  Ministry – Psalm 69, Soundgarden – Badmotorfinger, Alice In Chains - Dirt, uvm. Wer es miterlebt hat, wird wissend nicken. Kurzum: die Zeiten wurden spannender, aber auch komplizierter. Ent­sprechend den politischen Erosionsprozessen zu jener Zeit (Fall der Berliner Mauer, Zusammenbruch des Ostblocks und damit Beendigung des Kalten Krieges) barsten nun auch die Dämme zwischen korrektem Szene-Gebräu (Independent, Alternative, Grunge, Hardcore), etablierter Sparten-Mucke (Metal, Funk und Hip Hop) und dem Mainstream. Rechtschaffenheit vs. dem Mammon verpflichtete Verbiegung, da  waren die Zuordnungen fortan nicht mehr so leicht vorzunehmen. Die erste Hälfte der Neunziger brachte retrospektiv  die Erkenntnis:  fast alles ist – unter entsprech­endem friendly Markenting­feuer - einträglich verwurstbar. So auch sinistrer Industrial Rock wie ihn der Herr Reznor für seine N.I.N. ersann. Eine Musikgattung, die der gute Trent zwar nicht unbedingt erfunden hatte, der er ab spätesten ´92 jedoch ein Poster-kompatibles Konterfei gab. Ähnlich den in diesem Kontext unbedingt zu nennenden Berserkern von  Ministry, huldigte der bekennende Bowie-Fan Reznor in seinen Anfangstagen noch pastellenem Synth-Pop samt Wave-Versatzstücken im Stile von Human League, Joy Division und New Order.

Mit der Erfindung von N.I.N. und dem Debut „Pretty hate machine“ (1989) wurde der hegemoniale Elektrowurschtel allmählich von zartbitter auf düster programmiert und also dem Industrial zugeführt. Hier blitzte schon Einiges vom Abgründigen auf, das die Musikwelt später noch in schaudernde Verzückung versetzen sollte. Auch das eine oder andere Gitarren-Sample durfte bei der „Pretty hate machine“ im Studio auf eine Melange vorbeisehen (u.a. Tonspuren von Jane`s Addiction) oder wurde gar vor Ort mit echten Sechssaitern ins Mischpult gebrüht. Der „Hit“ des Albums „Head like a hole“ gibt darüber beredt Auskunft. Trotzdem, eine entfernte atmosphärische Nähe zu den käsigen  Depeche Mode ließ sich hier noch nicht ganz verleugnen, wenn auch deutlich anarchisch verbrämt. Mit dem Nachfolge-Output „Broken“ und seinen vehementen Stromgitarren-Attacken wurden diese Assoziationen mit Schmackes aus den Lautsprechern radiert. Wohlgemerkt: Leute wie  eben Al Jourgensen und Paul Parker (Ministry) hatten schon ca. drei Jahre zuvor auf der VÖ „The mind is a terrible thing to taste“  den opulenten Einsatz der verzerrten Elektrischen für sich entdeckt. Wo bei Ministry die Songs jedoch sowohl von der „Immer alle Regler auf Elf“-Monotonie des Instrumentalen, als auch von der Parolen-artig ins Megafon gekotzten Cut-up-Lyrik, der maschinell dehumanisierten Struktur von Industrial  treu blieben, verpackte Reznor die Symbiose aus E-Gitarre, Einsatz von analogem Schlagwerk, abgründig pfeifenden Sythnies und Samples in klassische Rocksong-Dramaturgie mit ihrer bewährten Laut-Leise/Vers-Refrain-Dynamik. In Verbindung mit der zwar aggres­siven und im Grind des Lebens grabenden, letztlich aber hypersensiblen Prosa, gab „Broken“ dem gerade durch die Decke schießenden Industrial Rock-Genre quasi sein menschliches Antlitz. Eine Katharsis für die an chronischer „Teenage-Angst“  laborierende Generation X. Im Gegensatz zu Nirvana für das Formatradio hierzulande dann doch zu arg. Nicht so  in den USA. Dort haselte „Broken“ sogar einen Grammy-Award für den Track „Wish“ in der Kategorie „Bester Metal-Song 1992“ ab. Was in den damals noch eher unflexiblen Fachkreisen manch erbostes Kopfschütteln auslösen sollte...

   Sei es drum. Wir würden hier nicht so viele einleitende Worte bemühen, wäre es nicht die Musik auf „Broken“, die uns motivieren würde. Und jene ist auch noch nach gut 20 Jahren ein gewaltiger „Brocken“ (sic!) und hievt den Output in die Ahnengalerie zeitloser, genre-etablierender Klassiker.  Sechs offizielle und zwei „Hidden Tracks“ reichten dafür aus. Das bedrohlich aus dem Off zerrende Intro „Pinion“ leitete das Inferno ein und kickte den Hörer ansatzlos in den „Grammy-Award-Winner“ „Wish“.  „This is the first day of my last days“ säuselte er zu beklemmendem  “White noise” - Ge­schwur­bel,  um der überfallsartig attackierenden und ebenso abrupt verendenden Gitarrenwand „I built it up now, I take it apart, climbed up real high, now fall down real far!” hinterher zu keifen.  „No new tale to tell, 26-years on my way to hell!“ Ja, so geht das die ganze Zeit. Ein subversiver T-Shirt-Spruch für deprimierte Teenager inhalierte den nächsten. Da packten einen seinerzeit die Lyrics am Krawattel und schleiften das autoaggressive Wimmerlgesicht  unter tatkräftiger Mithilfe des Synthie-Gitarren-Furiosos rücksichtslos durch die Klangwellen, dass sich Pickelface nur mehr verstanden fühlen konnte. Zum Luftholen blieb damals wie heute keine Zeit. Das Vers-Riff von „Last“ sägte sich den Weg frei und stellte sicher, dass man mit Hingabe den Frontallappen gegen die Stirnplatte schädelte.  Auf Kniehöhe baumelnde Zwischenleads erledigten den Rest und ließen N.I.N. so „Rock-n-Roll“ tönen wie später nie wieder. Dazu der eindringliche Vortrag des Hrn. Reznor, dessen Ausdruckskraft und Intensität Seinesgleichen suchte.  Danach „Help me I am in hell“, ein zwar ruhiges, jedoch beklemmend kafkaeskes Instrumental, das man als für die Band stilbildend bezeichnen kann. Denn mit derartigen Kunstgriffen sollte auf folgenden N.I.N.-Alben die Hörerschaft noch öfter aus brachialen Wutausbrüchen zurückgeholt werden. Branding in eigener Sache auch bei „Happiness in slavery“: der brutale S.M.-Chic des späteren Jahrhundertwerks „The downward spiral“ (1994) durfte hier erstmals ungeniert sein garstiges Unwesen treiben.  Der Elektropunker „Gave up“ beendete die Urschrei- Therapie schließlich fürs erste. Wer jetzt die CD wieder aus dem Schacht zog, versäumte allerdings den versteckten Höhepunkt der EP. Unter den Positionen 98 und 99 verbargen sich nämlich noch zwei grandiose Hidden Tracks: „Physical (You `re so)“, ein Cover der britischen New Wave/­Postpunk-Ikone Adam Ant sowie eine Neuaufnahme des Szenehits  „Suck“ der Industrial Rock-Supergroup Pigface, an der Reznor ein Zeiterl selbst beteiligt war. Speziell Erstgenanntes ist unserer Ansicht nach eine der eindrucksvollsten Nummern, die der Hr. Reznor jemals auf einen Tonträger packte. Glänzte der übersexualisierte Track im durchaus geglückten Original des großen Mr. Ant noch mit Augenzwinkern und kieksender Überdrehtheit, so muss man anerkennend feststellen, dass die Nine Inch Nails-Interpretation dem noch gewaltig eins draufsetzt. Naturgemäß in die entgegengesetzte  Richtung. Jegliches „Tongue in cheek“ wurde unter Einsatz von  Philishave Razor-Riffing, doomig marodierendem Schlagwerk, maliziösem Geröchel und entfesselten Shouts penibel entfernt und in ein apokalyptisches Triebmonster gewandelt, das einem das Blut in den Adern gefrieren ließ. 

   Als interessante Hintergrundinfo sei noch angeführt, dass „Broken“ die erste Produktion für Reznors eigenes Label Nothing Records (Vertrieb: Interscope) war. Mit seinem bisherigen Arbeitgeber TVT-Records hatte sich der Meister nämlich kurz zuvor gründlich überworfen. Entsprechend schiach dürfte der schöne Trent also gewesen sein, als er die Tracks zu „Broken“  generierte. Das hört man diesem famosen und würdevoll gealterten Mini-Album auch an. Darum heißer Dank an TVT! Denn  gegen die erschütternde Härte von „Broken“  und dem was sich daraus in weiterer Folge mit „The downward spiral“ entwickelte, verkommt jegliche VÖ des ehemaligen Reznor-Mündels Marilyn Manson im rückblickenden Vergleich zu einer Kirtags-Geisterbahn für Nackerbatzln. mk              





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Video:
Wish

Audio:
Physical(You're So)

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