Die fremde Feder
Markus, 21.11.2005
    Der LL ist es bekanntlich ein Herzens­anliegen auf ihren Seiten Themen abzu­handeln, die zu Recht keine Sau interes­sieren. Trotzdem, und das muss die werte Leserschaft wohl unumwunden zugeben, münden diese feinsinnigen Elaborate aber jedes Mal entweder in ein zaghaftes „Also das hätt` ich ma jetzt nicht denkt!“, ein ungläubiges „Is es denn wahr?“ oder in ein herzhaftes „Na bumm!“. Darum dieses Mal eine brandheiße Story zum unheim­lich unter den Nägeln brennenden Thema: Coverversionen von denen keiner weiß, dass sie welche sind.
   Nun ist es ja nicht so, dass Cover-­Versionen grundsätzlich etwas Schlechtes oder Unanständiges, womöglich das „Pfui Gack“ schlechthin sind. Ganz im Gegentum: die Neuvariante eines Songs hat mitunter mehr Pfeffer und Sex als das halbangenehme Original. Es frommt aber dem aufgeklärten Bildungsbürger, Original und Neuinterpretation von einander unterscheiden zu können. Schon sind wir beim Kernbereich unserer Abhandlung, denn damit hat man heutzutage eine ganz schön schwere Zeit! Einerseits, weil wir mittlerweile auf einen Backkatalog von 50 Jahren Rockgeschichte mit einem dementsprechenden Wust an mehr oder minder erfolgreichen Originalversionen zurück blicken. Andererseits, weil covernde Bands mitunter keinen gesteigerten Wert darauf legen, dass die breite Masse abseits des Fachpublikums überhaupt mit bekommt, dass sie mit „fremden Federn“ den großen Reibach machen.
   Was also tun, um den Überblick zu bewahren, hmm? Am besten so pfiffige Online-Magazine wie die LL lesen! Das Moltofil gegen Bildungslücken, die keinen stören. Klugschiss und Recherche bis der (Nerd-)Arzt kommt! Ähem, nun gut. So viel zur Eigenwerbung.   
   Im Bereich des harten Rocks hat sich also in den letzten 15 Jahren das Phänomen breit gemacht, dass Bands mit einer Coverversion ihren größten Single-Hit landen oder überhaupt das erste Mal ein gewisses Maß an Airplay erhalten. Ist in Zeiten des Formatradios und Videofernsehens nicht weiter verwunderlich, da den Sendungs­ver­ant­wort­lichen der Originalstoff der diversen Rock/Metal-Gruppen meist nicht massenkompatibel genug erscheint. Daher spielt manch aufstrebende Jungband eben hurtig eine nette, nicht zu aggressive alte Popnummer neu ein und hofft, auf diese Weise ein gerüttelt Maß an Öffentlichkeit zu erhalten. Tatsächlich geht dieser Schmäh oft genug auf.

Crazytown vs. Red Hot Chili Peppers

   So beruht z.B. der ergreifende Crossover-Kuschler "Butterfly" der Sports-Metaller Crazy Town (R.I.P.) auf dem Red Hot Chili Peppers Instrumental "Pretty little ditty", erschienen 1989 auf der famosen "Mother`s Milk"-CD. Die Rotzlöffel von Crazy Town haben sich dabei nicht einmal die Mühe gemacht das Ding neu einzuspielen, sondern das Instrumental einfach in die Endlosschleife geschickt, ein paar Drumloops darunter und fluffige Raps darüber gelegt. Ganz schön billig das! War aber ein probates Mittel, ihre Altersvorsorge zu sichern.

Ugly Kid Joe vs. Harry Chapin

   Die kalifornischen Spaß-Rocker von Ugly Kid Joe sprengten ihrerseits die Billboard-Charts mit der gefühlvollen Power-Ballade "Cats in the cradle". Was hatten die nicht für ein Händchen für schmalzende Melodien! Diese sind aber, sie haben es bereits geahnt, nicht auf ihrem Mist gewachsen, sondern entstammen der Feder des weitgehend unbekannt gebliebenen Folk-Musikus Harry Chapin. Dessen Originalversion von Cats in the cradle  ist im Übrigen vom UKJ-Cover kaum zu unterscheiden.

Gun vs. Cameo

   Der Neunziger Kreuzüberdisco-Feger "Word up" der schottischen Rocker G.U.N. wiederum datiert eigentlich aus dem Jahr 1986 und war ein Erguss der amerikanischen Funkster Cameo. 

Fredl Durst schießt den Vogel ab

   Den Vogel schießt aber eindeutig unser sehr geschätzter Fred Durst mit seinen Limp Bizkit ab. Ein Wiederholungstäter sondershausen! Keine VÖ der erfolgreichsten aller Nu Metal-Bands kommt ohne Coverversion aus. Zunächst vergingen sich die Kniekehlen-Hosen-Träger auf ihrem Debut („Three dollar bills y`all“) an „Faith“ von George Michael. Mit diesem Song konnten sie sich allerdings nur schwer selber schmücken, da diesen Heuler nun wirklich jeder kennt. Für den „MI 2“- Soundtrack wurde sodann das "Mission Impossible"-Theme durch die Limp Bizkit-Mühle gedreht, was auch noch jeder mitbekommen hat. Bei "Behind blue eyes", der bisher erfolgreichsten, weil Formatradio-kompatibelsten Bizkit-Single, verhielt es sich schon anders: Die Credits für dieses Liedchen gehen nämlich nicht an Küsserkönig Durst sondern an The Who. Gewusst? Vor lauter Nachspielen hat das gute Fredchen aber, obwohl Fachmann, ebenfalls den Überblick verloren, ließ er doch letztens via MTV-News verlauten, für das kommende Limp Bizkit-Best of-Album "Bittersweet symphony" von The Verve nachzuspielen, da er ein großer Fan dieser Band ist. Das ist ein relativ dicker Hund! Der Song "Bittersweet symphony" ist nämlich streng genommen gar nicht von The Verve, basiert er doch auf einem Sample (!) einer Orchester-Version (!!) von "The last time" der Rock-Geriatriker Rolling Stones (!!!). Wofür The Verve von selbigen auch prompt  verklagt wurden. Wäre also in etwa so, wie wenn Eminem sagen würde: „Dieser Kid Rock ist doch ein seltener Strolch! Darum sample ich für meine neue Single den Song American bad ass!“ (eigentlich  "Sad but true" von Metallica).  Oder wenn Marilyn Manson zur Erkenntnis käme: „Guns`n`Roses waren eigentlich immer die gefährlichsten von uns allen! Da zolle ich ihnen doch Tribut mit einem Cover von Knockin`on heavens door!“ (Copyright Bob Dylan). Könnte man jetzt ewig so weiter führen, würde aber zu Blasenbildung im Gehirn führen und das will wirklich keiner.
   Kurz gesagt: der Durst ist ein ganz schön blöder Sack. Noch dazu hat diese Klobürste, und das schmerzt besonders, bei besagter Hommage an The Verve, dem Trend des „Mashens“ folgend, den `85er Mötley Crüe-Straßenfeger "Home sweet home" hineingewurstet. Und das derart uninspiriert und larifari, dass er sich dafür eigentlich den Stinkefinger der Woche verdient hätte!
   Zu fest wollen wir die blöde Nudel Durst jedoch auch wieder nicht abwatschen, wenn nicht einmal alteingesessenen Hardrock-Veteranen wie Kiss  davor zurückschrecken, mit Fremdkompositionen mächtig Kohle zu machen. Der Boden für ihr Comeback Anfang der 90er-Jahre wurde nämlich ebenso mit einem „gestohlen“ Song geebnet: die Copyrights von "God gave Rock`n`Roll to you" liegen eigentlich beim englischen Songwriter Russ Ballard.
   Wir erkennen also eine gewisse Methode: viele Bands agieren bei der Auswahl ihrer Covers nach dem Motto: „Spielen wir doch eine Nummer nach, die im Original eh kein Schwanz kennt oder borgen wir sie uns wenigstens als Sample, weil dann denkt jeder der Song is von uns und alle glauben wir sind Batzen-Komponisten!“ Tja, nur mit der LL hat wieder niemand gerechnet! Hier wird gnadenlos enthüllt, was keiner je entblößt sehen wollte. In diesem Sinne: herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit! mk





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