Jane's Addiction
Markus, 11.1.2011
Jane's AddictionPart 1 - Nothing`s X-Rated

   In der Sauren-Gurken-Zeit des Sommer­lochs widmen sich die Medien gerne dem Wühlen in den Mottenkisten der Vergang­enheit. Das kann einerseits in enervier­ende Wiederholungsstrecken ausge­lutsch­ter Serien und Filme münden, an­der­erseits nicht uninteressante Dokus über weit zurückliegende Zeitabschnitte und Ereignisse hervorbringen. ARTE bietet uns zu Letztgenanntem z.B. seit einigen Wochen eine Sendereihe, die sich den musikalischen Errungenschaften der 60er-Jahre widmet. Da wollen wir natür­lich nicht hintan stehen und heben nun mit einem warmen Kuss unseren Rock-­Almanach aus seinem Dornröschenschlaf. Bei unserer musikalischen Zeitreise schlagen wir allerdings ein wengerl später auf als ARTE, nämlich 1986. Dort trifft der Rock-Almanach auf eine frisch formierte Truppe, die mit ihren schrägen Tönen nicht unerheblich zur rocktechnischen Frischzellenkur der frühen 90er beitrug: Jane`s Addiction. Ein adäquater Anlass sich diese durchgeknallten Lausebengeln Lounge-technisch mal näher zur schmalen Brust zu nehmen steht ebenfalls parat, datiert die VÖ ihres Opus Magnum "Ritual de lo habitual" doch auf den 21.August 1990. Ein 20-Jahre-Jubiläum also.
   Aber gehen wir es doch chronologisch an und widmen uns mal den ersten 3 Jahren ihrer schillernden Band-Vita. Eigentlich schon erwähnt, dass Jane`s Addiction Ende 1991 schon wieder von der Bildfläche verschwunden waren? Nein? Mit einer Live-Platte, zwei Studio-Releases und einer (zunächst) nur 6- jährigen Aktivphase schafften sie es mir nix dir nix zu Genre-Bildnern und Kultstars. Bei so einer dünnen Hinterlassenschaft ziemlich beachtlich. Vor allem weil in ihrem Fall kein tragisches Ereignis die Auflösung auslöste, was die Mythen-Bildung mitunter beschleunigen kann. Doch zu diesem Kapitel kommen wir später.
Jane's Addiction   Chef-Weirdo hinter Jane`s Addiction war und ist Perry Farrell, ein damals im Künstlergrätzel Venice Beach/L.A. leben­der Musiker, dem auch ein großes Interesse an den bildenden Künsten und New Age zu eigen war. Als Bandältester war jener bereits seit Beginn der 80er als Musikschaffender aktiv und betrieb vor Jane`s Addiction die Indie-/New Wave- Truppe Psi Com. Diese war jedoch nicht weiter erfolgreich und löste sich anno 1985 auf. Gemeinsam mit Eric Avery (Bass) hob er 1986 eine neue Band aus der Taufe. Durch das Engagement von Stephen Perkins (Schlagzeug) und Dave Navarro (Gitarre) war das Gespann schließlich vollzählig. Auf Navarros Anregung hin benannten sie sich nach einer verhaltensoriginellen Mitbewohnerin Farrells Jane`s Addiction.
   Mit Ausnahme von Schlagwerker Perkins blickten die Bandmitglieder allesamt auf eine eher furchtbare Kindheit zurück. Was einerseits große gegenseitige Ver­bunden­heit bedingte, andererseits, ob der aufgrund diverser Traumata eigenwillig ausgeformten Charakter, einiges an Reibung erzeugte. Außerdem kamen Farrell und Avery eben eher aus dem Indie/New Wave-Eck, während Perkins und Navarro ihre Wurzeln im traditionelleren Rock hatten. Alles zusammen könnte eine mögliche Erklärung für den immensen Innovationsgeist der Combo sein.
Jane's Addiction   Das musikalische Umfeld im Bereich des forcierteren Rocks war ja nach den noch schub­la­den­freien 60ern und den experimentierfreudigen 70ern inzwischen ziemlich strikt geordnet und verlief in fein säuberlich einzementierten Genre-Bahnen. Im We­sent­lich­en gab es Hardrock und Metal auf der proletigen bzw. Indie und New Wave auf der distinguiertintellektuellen Seite. Dazwischen tummelte sich noch der gute alte Punk, der aber in dieser Dekade zwischenzeitlich eher stiefmütterliche Aufmerksamkeit genoss, sowie dessen neue Variante Hardcore, die wiederum hauptsächlich in Skater-Kreisen auf Interesse stieß. Diese Szenen existierten weitgehend voneinander getrennt und blickten mit einem gewissen Maß an Verachtung aufeinander. Vom integrieren Rock-fremder Musikstile wie Funk, Reggae oder dem gerade frisch für Furore sorgenden Rap wollte damals sowieso noch keiner etwas wissen. Wenn man also von am Rande sprießenden Stilblüten wie den Bad Brains oder Mother`s Finest absieht, gab es kaum Bands, die sich den Blick über den sprichwörtlichen Tellerrand erlaubten. Bis dann ab der Mitte des Jahrzehnts jene Protagonisten die Bühnen feuchtlerter Vorstadt-Bumsen betraten, die den Boden für die nicht unerheblichen musikalischen Umwälzungen der 90er Richtung Alternative-Rock und Crossover urbar machen sollten: nämlich die Red Hot Chili Peppers, Living Colour, Faith No More und eben Jane`s Addiction.
Triple X   Wie es sich für anständige Bands gehört, formten Jane`s Addiction ihr Zusammen­spiel über zahlreiche Live-Performances, nachdem sie als Erstes gefälschte Ausweise für die Band-Youngster Perkins und Navarro besorgt hatten. Die beiden Grünschnäbel waren nämlich zu diesem Zeitpunkt noch keine 21 und damit in den einschlägigen Clubs zu Los Angeles noch gar nicht zutrittsberechtigt. In der Stadt der Engel war die Szene zu jener Zeit vorwiegend von glitzernden Hair- und Party-Metal-Bands bevölkert. Obwohl sie in diese Schablone musikalisch nicht reinpassten, schaffte es die Band trotzdem genügend Gigs zu ergattern, um sich einen Ruf als spannender Live-Act zu erspielen. Was neben der Musik u.a. auf ihre energetische Bühnen-Show und das gut austarierte Charisma der Protagonisten zurückzuführen war. Mastermind Perry - der hyperaktive Derwisch inklusive Dreadlocks-brutal, Gitarrist Dave - der Saitenakrobat von sinistrer Schönheit, Viersaiter Eric - der schräge Flic mit dem irren Blick und Drummer Stephen - das wild fuchtelnde Viech aus der Muppets-Show. Äußerlich war das Quartett also durchaus mit einem veritablen Glam-Faktor ausgestattet, was angesichts des herrschenden Zeitgeists (s.o.) durchaus hilfreich gewesen sein dürfte. 1987 wurde über das Independent-Label Triple X-Records ihr selbstbetiteltes Debut veröffentlicht. Dabei handelte es sich um einen Live-Mitschnitt einer ihrer Shows im legendären Roxy/L.A. Diese Scheibe sorgte ob des darauf befindlichen musikalischen Gebräus für einige Aufmerksamkeit unter den A&R-Managern (Artists & Repertoire) diverser Major-Labels. Klugschissmodus an: A&R-Abteilungen bilden in großen Plattenfirmen quasi die Einlaufstelle für Demotapes und sind immer auf der Suche nach dem momentan "heißesten Scheiß", um diesen dann der kommerziellen Verwurstung zuzuführen. Klugschissmodus aus.
Nothing's Shocking   Jedenfalls fand ihre zunächst noch bisserl retro tönende Mixtur aus Jam-­lastigem 70er-Jahre Hardrock im Geiste Led Zeppelins, angedeutetem 60er- Psyche­delic sowie einer Prise Hippie-Trallala gepaart mit ihrem eigenwillig-glamourösen Auftreten schließlich so großen Gefallen bei den Vertretern der Industrie, dass ein regelrechter Wettlauf um das Major-Signing der Band vom Stapel ging. Warner Music machte schließlich das Rennen und die Band sich an die Arbeit für ihr erstes Studio-Album ("Nothing`s shocking"). Für die Produktion der Scheibe wurde der damals noch unbekannte Dave Jerden (später Produzent von Alice In Chains, Anthrax oder The Offspring) verpflichtet. Ein wahrer Glücksgriff, den dieser verpasste der Band jenen fetten Soundteppich, der ihre musikalischen Ideen erst so richtig zum Glänzen brachte. Klang das Live-Debut nämlich trotz korrekter Performance noch ein wenig altbacken, sollte sich das auf "Nothing`s shocking" komplett ändern. Von den ersten Tönen des Intros "Up the beach" bis zum letzten Akkord vom bereits am Erstling enthaltenen "Pigs in zen" bog dieses Machwerk in einer unerhörten tonalen Dichte ums Eck, die auch heute noch nicht angestaubt oder überzeitig wirkt. Vergleiche mit Led Zeppelin einer- und Velvet Underground andererseits waren ob Länge und Struktur der Kompositionen zwar noch immer nicht ganz unangebracht, wurden aber der Beschreibung ihres kreativen Outputs nimmer wirklich gerecht. Denn nach Retro oder Abklatsch klang das überhaupt nicht mehr.
Jane's Addiction   Das Duell der Tellerränder war eröffnet. Indie trifft auf Hardrock, esoterische Lyrik auf Proletenpose, Eyliner und Lipgloss auf Birkenstock und Batik-Leiberl, Sonic Youth auf Hanoi Rocks. Kurzum: hier wurde erstmals und ernsthaft die hedonistisch-oberflächliche Rock`n`Roll-Attitüde mit der kunstsinnigen Avant­garde des Indie-Pops vermählt.
   Perkins hypnotische Drum-Rhythmen und Averys treibende Bass-Riffs befeu­er­ten Navarros abgespacte Gitarren-Licks, die zur Sicherheit auch noch doppelt und dreifach übereinandergelegt wurden. Nicht umsonst erspielte sich der Herr Navarro im Laufe der Jahre wegen seiner Passion für diesen Aufnahmeschmäh den Ruf des "Mr. Overdub". Über allem thronte schließlich das schiefe Eunuchen-Gejaule des Hrn. Farrell. Gemeinsam mit den eigenwilligen Background-Vocals der Band schaffte er es trotzdem, begnadete Hooklines aus dem Ärmel zu schütteln, die sich halt so noch keiner zu singen getraut hatte. Für im Rock-Kontext damals noch unübliche funkige Intermezzi (z.B. "Idiots rule") waren sie ebenso zu haben und holten sich hierfür Kapazunder wie Michael "Flea" Balzary (RHCP) oder Angelo Moore (Fishbone) ins Studio. In Summe klang damals keine andere Band so und Jane`s Additicon schufen sich bereits mit ihrem ersten Studio-Output eine komplett eigene musikalische Identität. Auch wenn`s kommerziell noch nicht der große Brüller war: unter der Fachpresse war die Stunde der offenen Mäuler ausgebrochen. Hilfloses Schubladisieren setzte ein und neben den Begriffen Art Rock oder New Psychedelic fielen in diesem Zusammenhang erstmals die Begriffe Alternative Rock und Crossover. Empörung und Zensur-Geschrei rundeten den beginnenden Hype um die Band gelungen ab, denn das Cover von "Nothing`s shocking" zeigt eine von Farrell selbst erdachte Skulptur in Form eines nackerbatzigen, natürlich weiblichen, siamesischen Zwillingspärchens dem gerade die Rübe wegbrennt (siehe oben).
Jane's Addiction live
   Sowas würde heutzutage nicht einmal mehr Achselzucken auslösen.1988 jedoch wachelten die großen amerikanischen Handelsketten sowie die PMRC unter Tipper Gore (welche übrigens kurz zuvor die legendären "Parental Advisory"-Sticker erfunden hatten) erbost mit Heugabel und Seemanns-Strick. Worauf Warner die Platte für den U.S.-Markt in ein schlicht braun gehaltenes Alternative-Cover schob. Ob der Tanz Verkaufsbremse oder doch unfreiwillige Werbung für das Album war? Wer kann das heute schon so genau sagen. Jedenfalls verweilte das großartige "Nothing`s shocking" für immerhin 35 Wochen in den Billboard 200 und setzte im ersten Jahr ca. 250.000 Kopien ab. Der große Sprung sowie eine bahnbrechende Festival-Idee sollten allerdings erst zwei Jahre später folgen. Womit wir uns im näxten Teil dieses Rock-Almanach beschäftigen wollen. Stay tuned! mk


Ritual de lo HabitualPart 2 - Ritual de Lollapalooza

   Nach zwei Jahren als Under­ground - Hype, die Jane`s Addiction u.a. als Support von Iggy Pop und den Ramones nutzten, erfolgte 1990 das Release von "Ritual de lo habitual". Anstatt sich von nervösen Einflüsterern ihres Major-Arbeitgebers domestizieren zu lassen, frästen sie diese Platte noch ein Aitzerl abgedrehter als den Vorgänger. Schon das in wildem Stakkato zappelnde "Stop" zur Eröffnung des Albums nahm da keine Gefangenen und präsentiert in seiner euphorischen Daherkommung noch heute das Rock-Verständnis der Truppe wie kaum ein anderes Lied. Ähnliches gilt für die folgenden Tracks "Ain't No Right" und "Obvious". Ab Song Nummer 7 verließ die Platte endgültig das etablierte 80er-Rock-Song-Format und hob in ihre epische Phase ab. Die thematisch ineinander verwobenen, überlangen Lieder "Three days", "Then she did" und "Of course" waren und sind – in tiefer geistiger Verbundenheit mit monströsen 70er-Alben - definitiv nix zum "Nebenbeihören" und Single-untauglich vom Feinsten, aber in entsprechenden Momenten eben ein anheimelnder "Mindtrip", der die Fertigkeiten der Truppe letztgültig unter Beweis stellte. Erneut entzückte Ratlosigkeit unter den professionellen Endverbrauchern aufgrund der faszinierenden Diversität des Outputs: Also wer war jetzt wirklich an der Reihe? Ein Fall für die nickelbebrillte Independent-Press oder doch eher ein Thema der vulgären Metal-Postillie? Am Ende Powidl, es warfen schließlich alle das Handtuch und sich in den Staub vor den vier schrägen Vögeln aus Venice-Beach. Die Kritik war also ein weiteres Mal einhellig begeistert und schlug vor Freude einen Ritual de lo HabitualPurzelbaum nach dem anderen. Flankierend stand auch die PMRC (siehe 1. Teil) wieder Gewehr bei Fuß und proklamierte angesichts der auf dem Album-Cover befindlichen Pappmaché-Skulptur den Unter­gang der westlichen Zivilisation. Durch das Anbringen des obligaten "Parental Advisory" - Stickers und der inzwischen bewährten Nutzung einer (in diesem Fall) weißen Alternative-Hülle für den Vertrieb über die großen Handelsketten konnte dieser zum Glück verhindert werden.

   Da ihre Musik aber mehr als je zuvor alles andere als Radio- und Fahrstuhl-kompatibel war, ließ das große "Ka-Cing!" noch einige Wimpernschläge auf sich warten. Nämlich bis zu dem Zeitpunkt an dem die relativ harmlose Fun-Nummer BBeen Caught Stealing" als Single ausgekoppelt und mit einem vergleichsweise sittsamen Video promotet wurde. Folgenreich ergriff nun MTV die weiße Fahne und hob den zuvor wegen "Nuditity in musicvideos" ausgerufenen Boykott der Band auf. So wurde "Been caught stealing" Jane`s Addictions erster echter Single-Hit und die Verkaufszahlen des Albums kletterten steil nach oben. Top-Ten-Infiltrierung wie knapp ein Jahr später bei den RHCP, Nirvana und Konsorten wurde zwar nicht zum Thema, denn dazu war ihr Pop-Appeal eindeutig zu gering. Dennoch stießen sie mit "Ritual" immerhin bis auf Platz 19 der U.S.-Billboard-Charts vor und öffneten damit n.a. den U.S.-Mainstream für bis dorthin ausschließlich im Underground florierende Töne.

Lollapalooza   Der zunehmende Erfolg förderte allerdings auch seit längerem rumorende band-interne Flatulenzen in erhöhter Frequenz ans Tageslicht. Bis auf den gutmütigen Mr. Perkins werkelten hier nämlich ausschließlich Alpha-Egos und Quasi-Chef Farrell befand sich zusehends im Clinch mit Avery und Navarro. Die Auflösung der Band war daher bald beschlossene Sache. Um das Ganze aber amtlich abzuschließen, schuf Perry Farrell im Frühjahr 1991 die Lollapalooza-Tour. Zunächst lediglich als Abschiedsreise der Band konzeptioniert, uferte das Projekt in der Planungsphase komplett aus. An deren Ende lag schließlich ein brandneues Konzept für ein Genre-übergreifendes Musik-Event auf der Tacke, dass die Festival-Landschaft der beginnenden Dekade nachhaltig verändern sollte. Hochtrabend ist heute sogar vom "Woodstock der 90er" die Rede. Das Billing bot nämlich ein vom Schubladendenken befreites Potpourri unterschiedlichster Acts, wie es dazumal halt unheimlich "Nochnicht­da­ge­wesen" war. Als "Support" von Jane`s Addiction malochten u.a. Living Colour, Siouxsie and the Banshees, Ice-T, Violent Femmes, Rollins Band, Fishbone sowie die damals noch unbekannten Nine Inch Nails. Zusätzlich fütterte die Veranstaltung das Publikum mit Sekundärentertainment in Form von Freak-Shows (Jim Rose Circus), Comedy-Performances und Kunstinstallationen. Und als ob das nicht schon genug gewesen wäre, bot Lollapalooza auch noch diversen NGOs eine Plattform, ihre Anliegen an Mann und Frau zu bringen. Alles in allem also tatsächlich irgendwie "Hippie" und damit "Woodstock". Die Tour wurde zum höchst erfolgreichen Selbstläufer und sollte bis einschließlich 1997 jährlich durch Nordamerika trampen, ab 1992 selbstverständlich ohne Live-Auftritte der stiftenden Großmeister. Die lösten sich mit Abschluss der 1991er-Rundreise nämlich tatsächlich auf.
Jane's Addiction live
Das Thema "Jane`s Addiction" war damit allerdings noch nicht endgültig vom Tisch. Warum, wieso und weshalb werden wir im dritten Teil dieses Rock-Almanach beleuchten. Stay tuned! mk


Porno for PyrosPart 3 – One hot stray

   Basser Eric Avery hatte nach Auflösung der Band die Faxen dicke und verschwand dort wo er hergekommen war, nämlich im Underground. Stephen Perkins mutierte, ob der Tatsache einer der besten Drum­mer seiner Generation zu sein, zum gefragten Studio-Musikus und be­fruch­tete die Outputs befreundetere Kollegen wie der Infectious Grooves, Nine Inch Nails, Rage Against The Machine oder der Red Hot Chili Peppers. Workoholic Perry Farrell stürzte sich sogleich in die Weiterführung des prosperierenden Lollapalooza-Konzepts und gründete nebenbei 1992 die Band  Porno for Pyros, an der auch Schlagwerk-Genius Perkins Hand anlegte. Im Vergleich zu Jane`s Addiction schlitterten jene allerdings deutlich Elektro- und Wave-lastiger durch die Kurve. Der androgyne Hr. Navarro wiederum wandelte nach dem Split zunächst auf ähnlichen Pfaden wie Kollege Perkins und wurde alsbald von diversen Bands für Gastauftritte, aber auch Fixposten umworben. So hätte sich z.B. Axl Rose fast seine Haxen aus dem überdehnten Hüftgelenk gerissen, um die durch den Abgang von Rhythmus-Gitarrist Izzy Stradlin bei G`n`R freigewordene Stelle mit dem virtuosen Saiten-Wizard  zu besetzen. Über unausgegorenes Jammen kam diese Idee jedoch nie hinaus. Nach dem erfolglosen Bandversuch Deconstruction (mit Eric Avery) und RHCP feat. Dave NavarroStudio-Jobs für u.a. N.I.N. landete der arbeitssuchende Kajal-Zampano daher Ende 1993 in den Armen der Red Hot Chili Peppers. Jene hatten gerade Gitarrist John Frusciante den Weg zur Tür gewiesen, weil dieser seine Drogenprobleme notorisch nicht in den Griff bekommen wollte. Mit Navarro brachten Kiedis & Co. 1995 schließlich  den „BloodSugarSexMagik“-Nachfolger „One hot minute“ in die Plattenläden. Welcher bei der interessierten Öffent­lich­keit auf zweigeteilte Reaktion stieß, da Navarro dem Songwriting der Truppe ein markantes Ausrufezeichen hinzufügte. Unter selbigem klang „One hot minute“ somit tatsächlich kaum nach dem leichtfüßig-funkigen Multiplatinum-Vorgänger aus 1991, sondern deutlich rockiger und psychedelischer. Im Grunde genommen formte die Scheibe schlicht eine Synthese der beiden südkalifornischen Ausnahmebands: „Blood SugarSexMagik“ vs. „Ritual de lo habitual“. Trotzdem oder gerade deshalb, sowie unserer bescheidenen Meinung nach, ein zeitloses Meisterwerk von frommer Anmut und Schönheit. Und keineswegs eine halbangenehme Gedankenpause im Backkatalog der Chilis, wie heute gern postuliert wird!

Kettle Whistle   Der grobschlächtige und nach mehr vom Selben blökende Mainstream wies es dazumal allerdings barsch von sich. Woraufhin die Chilis Navarro 1997 wieder feuerten, um dem immer noch zugedröhnt herumlurchenden Frusciante eine zweite Chance zu geben und sich bis auf weiteres alterslahmen Selbstzitaten zu widmen.
   Ob dieser Vorkommnisse frustriert, knüpfte Navarro neue Bande zu seinen alten Bandmates Farrell und Perkins. Diese bastelten gerade an einer Abschiedstour für  Porno for Pyros, da die Kübelung dieses Bandprojekts unmittel­bar bevorstand. Für einige Gigs der finalen Porno for Pyros-Tournee grapschte sich daher Navarro die Sechssaitige, was wiederum Begeisterung in alten J.A.-Fankreisen auslöste, wurde dadurch die Hoffnung auf eine Reunion doch tüchtig genährt. Die sollte auch nicht enttäuscht werden, denn kurz darauf wurde die Jane`s Addiction-Raritäten-Sammlung „Kettle whistle“ unters Volk gebracht, welche Interessierte mit verschollenen Demos, alten Live-Performances und sogar zwei neuen Studio-Tracks erfreute. Die Basslinien der neuen Songs wurden übrigens von RHCP-Viersaiter Flea eingespielt, weil Eric Avery als einziger keinen Bock auf Wiedervereinigung hatte. Daran anschließend ging es in dieser Besetzung sogar auf kurze Konzertreise, welche in Summe ein ganz schöner Erfolg werden sollte.
Stephen Perkins   Danach hatte man aber offensichtlich einmal mehr die Nase voll voneinander und ging wieder getrennte Wege. Farrell veröffentlichte sein erstes Solo-Werk „Songs yet to be sung“. Navarro tat es ihm mit „Trust no one“ gleich, während sich Perkins mit seinem alten Drummer-Spezi Tommy Lee auf ein Packl warf, um ihm und seinem neuen Baby Methods of Mayhem im Studio sowie live unter die Arme zu greifen.
   2003 Reunion, dritter Aufzug: abermals ohne Avery wurde unter der Fuchtel von Produzenten-Legende Bob Erzin (u.a. Kiss, Aerosmith, Pink Floyd) der erste Jane`s Addiction-Longplayer seit „Ritual de lo habitual“ in trockene Tücher gebracht. Die Erwartungen bei Fans und Kritik waren groß und sollten von „Strays“, so der Titel der VÖ, auch nicht enttäuscht werden. Grundsolide und mit strammen Backen rockten die alten Haudegen eine pfiffige, allerdings ungewohnt geradlinige Scheibe ins Mischpult. Freilich, an die versponnene Magie von „Ritual de lo habitual“ oder „Nothing`s shocking“ kamen sie damit nicht ganz heran. Es reichte jedoch aus, dem mittlerweile zahlreich vorhandenen Alternative-Nachwuchs zu zeigen, wo der Hammer wirklich hängt.
Strays   Mit Strays erklommen Jane's Addiction außerdem respek­ta­ble Platzierungen in den Bill­board-Charts und durften da­rauf enthaltene Songs an diverse Film- (z.B. „Torque“ - “True Na­ture“) und Serien-Sound­tracks (z.B. „Entourage“ - “Super­hero“) weiterreichen. Zur amt­lichen Ab­rundung der Wieder­auf­er­stehung der Band wurde zudem die seit 1998 auf Nulllinie dösende Lollapalooza - Tour reanimiert. Als deren Headliner agierten selbstredenden die stiftenden Gründerväter. Im Verlauf dieser Konzertreise ging man einander offenkundig erneut kräftig auf den Keks, so dass nach Abschluss aller Live-Verpflichtungen die Band Ende 2003 ihre Auflösung bekannt gab.
   Unsere Protagonisten widmeten sich daher ab 2004 neuen Projekten und/oder der Öffentlichmachung des eigenen Privatlebens. Perry Farrell formte gemeinsam mit Extreme-Gitarrero Nuno Bettencourt die Band Satellite Party und spielte mit dieser das Album „Ultra playloaded“ ein. Gitarren-Oberförster Navarro hingegen beschloss es Skandal-Nudel Tommy „Pamela Anderson“ Lee gleich zu tun und begann eine öffentliche Beziehung zu Ex-Baywatch-Nixe Carmen Elektra, welche er auch nach kurzer Zeit ehelichte. Vor lauter Schmetterlingen im Bauch ganz Ding, verscherbelten die beiden den ganzen Zinnober rund um die Hochzeit an MTV, um das verzückte Camp FreddyFernsehpublikum an ihrem einzigartigen „Liebes­glück“ teilhaben zu lassen. Nun, nach 3 Jahren war der Ofen aus und man ließ sich über­rasch­end­er Weise scheiden. Nach seinem Intermezzo als Reality-TV- Hampelmann und Paparazzi-Darling, fand er schließlich wieder Zeit zum Musizieren und lancierte mit Panic Channel 2006 eine neue Band, die das eher mittelmäßige Album „ONe“ vorlegte. Nebenbei betrieb er zusätzlich die Allstar-Coverband Camp Freddy, welche in loser Form bis heute besteht.
   Sowohl Satellite Party als auch Panic Channel kamen jedenfalls nicht auf die erhoffte Quote, also raufte man sich 2008 zum mittlerweile vierten Mal zusammen. Anlass war die Verleihung des „Godlike Genius Awards“ an Jane`s Addiction im Rahmen der NME-Awards.  Die Besonderheit: für diese Performance ließ sich sogar der verschrobene Hr. Avery dazu überreden wieder in den Ring zu steigen und es ereigneten sich hinterher die  ersten Live-Dates in Originalbesetzung seit 1991. Tatkräftige Unterstützung fand das Quartett in weiterer Folge in der Person von N.I.N.-Mastermind Trent Reznor, der die Band als Co-Headliner 2009 mit auf Tour nahm und auf dieser mehrmals den Mediator geben durfte, wenn der Haussegen im Lager des wankelmütigen Vierers wieder einmal schief hing.
Jane's Addiction - Original Line-Up, 2008
   Anfang 2010 warf Eric Avery das Handtuch und die Truppe musste sich nach einem neuen Mann am Bass umsehen. Diesen fanden sie kurzzeitig im ehemaligen Guns`n`Roses-/Velvet Revolver-Urgestein  Duff McKagan. Gemeinsam begann man mit der Arbeit an einem neuen Album, welches für 2011 in Aussicht gestellt wurde. McKagan war allerdings nach sechs Monaten schon wieder raus und der heikle Job am Bass vakant. Laut aktuellem Stand wurde bereits Ersatz gefunden. Man darf also gespannt sein, ob sie das mit dem neuen Album für heuer tatsächlich gebacken bekommen. Wir bleiben jedenfalls dran.
   Trotz aller Tanz, Peinlichkeiten und Kaprizen abschließend eine tiefe Verbeugung seitens der LL-Redaktion vor Jane`s Addiction für ihre großartigen Verdienste rund um den Rock`n`Roll und der Leserschaft natürlich herzlichen Dank für die Aufmerksamkeit! mk





Discography:
(1987) Jane's Addiction (live)
(1988) Nothing's Shocking
(1990) Ritual de lo Habitual
(2003) Strays

Compilations:
(1997) Kettle Whistle
(2006) Up from the Catacombs
(2009) A Cabinet of Curiosities

Videos:
Entourage Intro
Ain't No Right
Been Caught Stealing
Classic Girl
Stop

Links:
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