You don't fuck with Mickey Rourke
W-Bär, 23.2.2004
    Irgendwann Mitte der 90er Jahre: Es ist 3 Uhr früh und in der Wohnung des "New York Daily News"-Korrespondenten A.J. Benza läutet das Telefon. Benza, der gerade noch in seinen Träumen von zehn heißen Cheerleaderinnen ver­wöhnt wur­de, schreckt auf und greift fluchend zum Hörer. Am anderen Ende der Leitung ist niemand geringerer als Mickey Rourke. "He, du verdammter Bastard! Sag mir sofort wo ich diesen verdammten Mother­fucker Johnson finde!" Richard Johnson, seines Zeichens ebenfalls Klatschkolumnist (bei der "New York Post"), macht nichts lieber als Rourke eins auszuwischen und bei jeder sich bietenden Gelegenheit über den Scherbenhaufen von Rourkes verflossener Schauspielerkarriere zu lästern.
   Benson wusste, dass er Rourke unmöglich Johnsons Adresse verraten konnte, also schnappte er sich seine Sachen, setzte sich in ein Taxi und fuhr kurzentschlossen Uptown, in jene Bar, in der sich Rourke gerade mit seinem Kumpel Tupac Shakur einen hinter die Binde kippte. Rourke saß gerade – mit aufgeschlagener New York Post - auf dem Scheißhaus und fluchte vor sich hin. "Sieh dir an, was dieser Motherfucker schon wieder für einen Scheißdreck über mich geschrieben hat!" Wie ein Rohrspatz fluchend, sprang er auf, riss die Klomuschel aus der Verankerung, zertrat den Waschtisch und zerschlug bei der Gelegenheit auch gleich noch den Spiegel. Rock'n'Roll, Baby!
   So erzählt es zumindest A.J. Benza in seinem 2001 erschienen Buch "Fame: Ain't It A Bitch. Confessions of a reformed Gossip Columnist"). Und der letzte Satz in diesem Buch lautet: "You don't fuck with Mickey Rourke".

   Rourke wurde am 16.9.1956 in Schenec­tady, N.Y. mit dem schmückenden Namen Philip Andre Rourke Jr. geboren. Lässig in der Gegend herumstehen und fies grinsen hat er am berühmten Lee Strasberg Institut gelernt, wo sich auch bald herausgestellt hat, dass Rourke der talentierteren einer ist. Seinen ersten großen Auftritt hatte er in Steven Spielbergs "1941" (phänomenaler Unter­titel: "Wo bitte geht's nach Hollywood?") mit John Belushi in der Hauptrolle. Reden hat er zwar noch nix dürfen, dafür war er heiße fünf Sekunden im Bild. Es folgten ein paar mehr oder weniger unspek­taku­läre Fernseh- und Kinofilme und dann war's endlich soweit: 1982 durfte Rourke nebst Jungspund Kevin Bacon und Kapazundern wie Steve Guttenberg, Daniel Stern, Ellen Barkin und Paul Reiser in Barry Levinson's "Diner" mitschauspielern.

   Niemand geringerer als Regie - Legende Francis Ford Coppola höchstpersönlich zeigte sich von Rourkes Darbietung höchst ge­schmückt und engagierte ihn für sein nächstes Projekt "Rumble Fish" als "Motorcylce Boy". Seine Kollegen: Matt Dillon, Diane Lane, Dennis Hopper, Nicholas Cage, Chris Penn  und Lawrence Fishburne. Liest sich wie das Who-is-who in Hollywood!
   Seine beiden nächsten Filme "Der Pate von Greenwich Village" und "Das Jahr des Drachen" sorgten schließlich endgültig dafür, dass keiner mehr an ihm vorbeikam.
   1986 durfte er Kim Basinger in "9 1/2 Wochen" abschlabbern und als Obstsalat vergenusszwergeln und avancierte zur neuen Nummer Eins Hollywoods. In "Angel Heart" bekam er von einem von Robert DeNiro grenzgenial verkörperten Luzi (Louis Cyphre) eine am Deckel und in "Barfly" durfte er sogar den Meister der niederen Grindliteratur - Charles Bu­kows­ki - verkörpern.
   Nach "Barfly" kam "Homeboy". Dreh­buch: Mickey Rourke himself. M.R. gibt einen heruntergekommenen Loser, der von einer zwielichtigen Nase (Christopher Walken) überredet wird in den Box-Ring zu steigen. Hat jetzt gar ein bis'l was von Gerda Rogers, das mit dem Boxen, aber dazu kommen wir später.
   In "Johnny Handsome", einem seiner legendärsten Streifen darf sich Rourke als hässlicher, von Geburt an entstellter Vogel von Ellen Barkin und Lance Henrikson linken lassen, bekommt - plastischer Chirurgie sei Dank (Achtung: Gerda Rogers Alarm die Zweite!!!) – eine neue Visage von Forrest Whittaker verpasst und tritt unmittelbar danach gleich fröhlich zum Rachefeldzug an. Nebenbei brunzt ihm noch der Morgen Freeman ans Bein. Muss er, da Polizist. Aber das Gute gewinnt - eben nicht und zum Schluss sind fast alle tot. Spitzenfilm, da gibt's gar nix.

    Nach den ganzen Tschin­bumm - Filmen dürfte er sich dann gedacht haben: Zeit für ein wenig Abwechslung.
   Sprach's und schon flimmerte er 1989 in "Francesco" als Franz von Assissi über die Leinwand.
   Und danach ging irgendwas schief. Und wie auch noch dazu. Es macht fast den Eindruck, als wär's ihm nach "Francesco" völlig wurscht gewesen in welchen Filmen er mitspielt, Hauptsache die Kohle stimmt. Also schnappte er sich sein damaliges Betthaserl Carre Otis und drehte "Die wilde Orchidee", ein unmotivierter, "9 1/2 Wochen" - ähnlicher, halbseidener Softporno. Irgendwie schafft er es aber doch noch vermutlich vollkommen unfreiwillig - in einen Film der absoluten Sonderklasse: "Harley Davidson & der Marlboro Man". An seiner Seite: Don Johnson.
   "White Sands" (1992) mit Willem Defoe und Samuel L. Jackson war so ziemlich der letzte erwähnenswerte Film. "The Last Outlaw" sollt'ma vielleicht noch der Vollständigkeit halber und aufgrund seiner Besetzungsliste anführen (ein guter alter, allerdings fürs Fernsehen produzierter, Westler, in dem sich so manch illustres Fußvolk tummelt: u.a. Steve Buscemi, John C. McGinley und Dermot Mulroney). Die Handlung und Daherkommung von "The Last Outlaw" war aber schon mehr als dürftig.
   Und dann war der Ofen endgültig aus. Rourke mischte regelmäßig Parties auf, zettelte Prügeleien an und führte sich auf bis die Oma kommt. Irgendwann wollte ihn keiner mehr einladen, geschweige denn Filme mit ihm drehen. Brauchbare Drehbücher blieben aus, Hollywood hatte Mickey Rourke abgeschrieben.
   Also dachte sich unser Held: Wenn sie mich nicht schauspielern lassen wollen, dann fang ich eben "Homeboy"- mäßig zu boxen an! Und schwupps hüpfte frohen Mutes in den Ring. Ergebnis: zahlreiche Nasenbein-, Wangen- und sonstige Brüche, unzählige Operationen und viele Niederlagen. Als Schauspieler war er unbestritten besser. Genau genommen brach die Nase drei mal und wurde immer breiter, dann hat er sich das Wangenbein brechen lasen und sämtliche zuvor durchgeführten Reparaturen mussten noch einmal wiederholt werden. Bei einem seiner Kämpfe hat sich der Gute sogar einmal ein Stück von seiner Zunge abgebissen und seine Lippe platzte so oft auf, dass er sich eine permanente Infektion einhandelte. Um die gebrochenen, verbeulten und angeknacksten Stellen in seinem Gesicht wieder in Form zu bringen, griff er munter auf die Hilfe diverser Schönheitschirurgen zurück. Und bumm - das Ergebnis lehrt einem das Fürchten. Nach den ersten Schönheitsoperationen boxte er fleißig weiter, bekam wieder ordentlich Dresche und die erst mühsam wieder hinoperierten Gesichtsteile waren wieder im Arsch und er musste sich erneut unters Messer legen. Also war es mit seiner Boxerkarriere eben so schnell wieder vorbei wie sie angefangen hat. Aus dem einst gutaussehenden, charismatischen Jungtalent wurde ein Zombie, der zwar nicht am Glockenseil hing, dafür aber umso öfter in den Seilen des Boxringes.
   Rourke begann selber wieder Drehbücher zu schreiben und sich in Hollywood sehen zu lassen. Und tatsächlich: 1997 durfte er sich in "Double Team" mit Schoklad VanDamme und Dennis Rodman rumprügeln und 1997 bekam er sogar eine kleine Rolle in der Grisham-Verfilmung von "The Rainmaker". Es folgten einige nennenswerte Nebenrollen in Vincent Gallos "Buffalo '66", Malicks Zweiter Weltkriegsopus "The Thin Red Line", "Thursday" (ein Tarantino-mäßiger Kultfilm mit Thomas Jane und Paulina Porizkova), "Animal Factory" (als geschminkter Transsexueller; mit Willam Dafoe und einem grenzgenial-fiesen Tom Arnold) und Sean Penns "The Pledge" mit Jack Nicholson. Und dann war da auch noch die düstere Neuverfilmung des Michael Caine-Klassikers "Get Carter" in dem er sich von Sylvester Stallone dögeln lassen durfte.
    Vielleicht wird's ja doch noch was mit dem zweiten Schauspielerfrühling. Wenn es nach Robert Rodrigues geht, dann auf jeden Fall. Der hat ihn nämlich für den Abschluss seiner Desperado - Trilogie "Once Upon a Time in Mexico" gleich samt Hund und Cowboy-Kluft in Szene gesetzt und Jonas Akerlund zwiebelte dem sogar noch eins drauf: in "Spun" darf Rourke als Drogenkoch brillieren, seine Filmfreundin demütigen und gleich ein ganzes Labor in die Luft jagen. Und als ob das noch nicht genug wäre vermöbelt er im Video zu Enrique Iglesias' "Hero" selbigen aufs Ärgste, weil er ihm die nicht unschoarfe Jennifer Love Hewitt ausgespannt hat. Na wenn das nicht Spaß macht, dann weiß ich auch nicht! Der Mann mag zwar keine Mimik mehr sein eigen nennen, aber das braucht er auch nicht! Der Mythos lebt, Mickey Rourke ist wieder da. Und das ist gut so. Außerdem: wie heißt's so schön? Keiner pudert Mickey Rourke! Eben! W-Bär





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Website
IMDB

Fotos:
Mickey Rourke

Rourkography (Auszug):
(1982) Diner
(1983) Rumble Fish
(1984) Pope of Greenwich Village
(1985) Year of the Dragon
(1986) 9 1/2 Weeks
(1987) Angel Heart
(1987) Barfly
(1988) Homeboy
(1989) Francesco
(1989) Johnny Handsome
(1989) Wild Orchid
(1992) White Sands
(1997) Double Team
(1997) The Rainmaker
(1998) Thursday

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