MÖTLEY CRÜE
dto.

oder „Die Wahrheit ist eine Tochter der Zeit" (Part 1)

Bedeutungsschwangere „Tagline“, schräger Stichwortgeber. Der Andreas Khol näm­lich. Früher: Nationalratspräsident und zynischer ÖVP-Vordenker, der dazumal gern über die Schönheit linker Politikerinnen philosophierte. Heute: Seniorenbund-Silberrücken, damit Karl „Charly“ Blecha-Sidekick, sowie Vati eines Model-Sohns und also Schwiegerdings vom deutschen Privat-TV-Schnucki Nazan Eckes.

Es geht um Vergangenes. LL-Almanach, logo. Dieses Mal im Speziellen aber, um dessen vielschichtige Interpretation im fadenscheinigen Faltenwurf der vierten Dimension: Die Geschichte und v.a. Rezeption von Mötley Crüe. Festgehakt am Angel­punkt ihres sechsten Studio-Albums aus 1994. Huch, ein 20 Jahre-Anlass! Na wenn das mal kein Grund ist.

Blättern wir also zurück in den musikgeschichtlichen Annalen und lassen uns von ihnen vor Augen führen, wie die „Wahrheit“ im popkulturellen Kontext offenbar immer nur so unverrückbar ist, wie der auf sie gerichtete zeitgenössische Blick­winkel…

Um diese These zu untermauern, erscheint uns die ganz große Rückblende un­ver­meid­lich. Da Mötley Crüe im Allgemeinen dem Großgenre „Metal“ zugeordnet werden, wollen wir uns zunächst bis zu dessen Wurzeln zurückgraben. Wir ver­suchen, es trotzdem kurz und knackig zu halten. So soll auch den Fernstehenden, sprich weniger nerdigen Menschen unter der Leserschaft, ein Zugang eröffnet und somit dem allgemeinen Bildungs- und Lehrauftrag der LL nachgekommen werden.

 

A stairway to the great rock `n` roll-swindle

Scharf abgezwickt und vereinfachend nacherzählt, war da einmal „Bluesrock här­ter angetriggert“, vulgo der Hardrock. Irgendwann Ende der 60er aus der Taufe gehoben und von Led Zeppelin grunddefiniert. Wenige Wimpernschläge später der Heavy Metal. Black Sabbath und die Addition der „Chords of evil“. Entsprechende lyrische Tapezierung inklusive. Horror, Okkultes und ähnlicher Mummenschanz. Damit beginnende Subtraktion des Blues. Von Judas Priest ab ca. Mitte ´70, unter ziemlich konsequenter Ausradierung von Letztgenanntem und Implementierung des Operettenhaften, auf Kampflinie navigiert. Parallel dazu, für die Musikmathematiker mit den Nickelbrillen, der Prog-Rock. Quasi der Verwalter des extravaganten Teils vom Hippieerbe (King Crimson, Yes, Rush, etc.). Zeitgleich auf der Nebenfahrbahn schnürend, der glitzernde Glam Rock (T.Rex, Slade, The Sweet, etc.). Simple Hook-up- Prosa und ebensolche Riffs, daher mehr Pop-Appeal. Ging alles oberamtlich. Bis sich der Punk nach fast 10jähriger Latenzzeit (vgl. MC5, The Stooges) und aufge­ganselt durch rabiatere Variationen von „Glam“ (vgl. The New York Dolls, The Dictators) Schmetterlings-gleich entpuppte. Rüde watschte selbiger musikalische Hofartigkeit, räudige Fantasy-Ausdünstungen, notgeiles Stelzbocken und der­gleichen zeit­geist­technisch auf die Eselsbank. Sein Gegenentwurf: alle Regler auf 11, drei Akkorde reichen, nihilistische Prosa für die „Jungs aus der Kiesgrube“, jeder kann es. Seine Hauptprotagonisten: die aufrechten Ramones aus N.Y. sowie natürlich Malcom McLaren samt seiner englischen Proto-Casting-Band Sex Pistols. Späte 70er. Der erste Hype der Popkultur, der zunächst überraschend schnell wieder geext sein sollte. In Folge der erste „Postpunk“. Von „Disco“ befeuchtetes, kunstsinniges Spiel mit ungewissem Synthie-Wabber, also New Wave. Hardrock und Heavy Metal gelten hingegen schlagartig als blad, lächerlich und überhaupt nimmer subversiv. Seine Erfinder und Etablierer (LedZep, Black Sabbath, AC/DC, Kiss, Aerosmith, etc.) im Begriff der partiellen oder gar kompletten Auflösung. Quasi die Pubertätskrise des Genres. Große Ratlosigkeit.

 

Iron maiden`s erupting too fast for love

Erfolgreiche Neuaufsetzung durch die Working Class-Crediblity der NWOBHM (New Wave of British Heavy Metal) sowie dem eruptivem „Hat­mann­och­nicht­gehört“-Gitarren-Rabatz Van Halens. Und schließlich der Symbiose aus Glam Rock-Lametta, Metal-Horn und einem Löffelchen „Punk-Schlatz“, welche in den USA und Finnland ersonnen wurde - Glam Metal. Seine Vertreter: Hanoi Rocks (Finnland), Twisted Sister (N.Y./USA), W.A.S.P., Quiet Riot, Ratt und Mötley Crüe (allesamt L.A./USA).

Letztere sollten das erfolgreichste Outfit des Genres werden: Meistergeist Nikki Sixx samt seinen Haberern im Kriminal Mick Mars (guit.), Tommy Lee (dr.) und Vince Neil (voc.). Ersterer eitler Grenzgänger und frühkindlich geschädigter Auf­merk­sam­keits- und Narc-Aficionado. Ebenjener hatte die „verrückte Idee“ die New York Dolls, Kiss und Judas Priest auf einen Nenner zu bringen. „Mad Max“ hatte auch Spuren hinterlassen.

Nun, die Musik war ihm schon wichtig. Aber die „Looks that kill“ eben auch. Aus diesem Antrieb heraus wurde z.B. Mick Mars u.a. deshalb rekrutiert, weil er so aussah, als wäre er ein verschmähtes Mitglied der Addams Family. Detto waren es beim platinblonden Rock Candy-Sänger Vince Neil mitnichten seine stimmlichen „Qualitäten“, sondern vielmehr die optische Nähe zu einem gewissen David Lee Roth (Van Halen-Fronter), welche das Interesse vom Hrn. Sixx erweckte. Mit der Ver­pflichtung des jugendlichen Feschkaisers Tommy Lee für die Zeugelei war das Line-up schließlich komplett. Das Debut „Too fast for love“ konnte somit eingespielt werden….

 

Backward masking in the theatre of pain kills them all

1981: Von „Glam“ borgt man sich Schminke, Glätteisen und manch poppige Ge­sangs­linie. Von „Metal“ Lederkluft, Gitarrenriffs und kindische „Evil“-Koketterie. Von „Punk“ die einfach gestrickten Songstrukturen und den nach abgestandenem Bier-Hansel mitachtelnden „Scheißmanixx“-Habitus. Und der postapokalyptische Mad-Max-Chic ist die visuelle Schablone für die ersten Videos und Fotostrecken. In dieser Mischkulanz war das etwas durchaus Frisches.

Obwohl die Buben von Mötley Crüe ganz offensichtlich viel Zeit vor dem Bade­zimmer­spiegel verbrachten und trotz erstem Verhoffen des Mainstreams, wurden „Too fast for love“ und der Nachfolger „Shout at the devil“ (1983) in korrekten Szenekreisen daher sehr wohlwollend abgenickt. Dass sakrosankte Metal-Ikonen wie z.B. Ozzy Osbourne oder Ronnie James Dio die vier Lausebengel kräftig prote­gierten, machte dabei natürlich einen besonders schlanken Fuß. Weil der Herr Sixx aber immer viel Größeres für sich und seine „Four Bad Boys from Van Nuys“ im Sinn hatte, wurde 1985 der das breite Publikum verschreckende dunkle Lippenstift gegen den fliederfarbenen, Plateau-Bock-brutal gegen Pömps und Nieten-Beschlag gegen Strass ausgetauscht sowie der bis dorthin omnipräsente Drudenfuß ins Lager verfrachtet. Nach diesen Vorarbeiten konnte „Theatre of pain“ eingerext werden.

Erste echte Ballade („Home sweet home“), mehr vom Blues, weniger vom Heavy Metal. Mitdefinition dessen, was heute wahlweise unter „Pop-Metal“ oder „Hair­metal“ nachzuschlagen ist. Realisiert mittels MTV-Schwer Rotation, weidlicher Pflege des Skandal-Nudel-Images unter Inkaufnahme von tragischen Folgen, inten­siviertem Vergenusszwergeln des weiblichen Hollywoods und dazu lustvoll schnapp­atmender Yellow-Press.

Die L.A.-Szene mit ihrem „Party `til you puke“-Gehabe wurde spätestens ab diesem Zeitpunkt äußerst lukrativ und damit inflationär (vgl. dazu das filmische Standard­werk „Decline of Western Civilization Pt. 2“).

Publicity-technisch surfte man also rasant bergauf, während die dahinter auf­brandende Gossip-Gischt die Glaubwürdigkeit mit Nachdruck in den Lokus pritschelte. Alles zusammen brachte unseren vier Conditioner-Freunden den Bann­fluch der strähnigen Heavy Metal-Polizei: „Die können eigentlich nixx und sind voll die geldgeilen Poser!“ In Anbetracht des eher mittelmäßigen Songwritings auf „Theatre of pain“ und der jetzt Teenie-Mag-freundlich geföhnten Bandfotos eine nicht ganz unverständliche Conclusio.

Im Übrigen waren die Hookline-Feindlichen unter den Schwermetall-Köpfen so­wie­so schon zum nächsten heißen Kot übergelaufen: Thrash-Metal. Jener ent­wickelte sich als Eskalationsstufe der NWOBHM von der San Francisco-Bay Area aus und brachte die labile Plattentektonik Kaliforniens ab ca. 1983 in geophysische Unruhe. Gespielt von ungeschminkten Schiachperchten in ausgefransten Jeans­jacken und geschmierten Jogging Highs (Metallica, Megadeth, Exodus, etc.), vermittelte diese fetthäutige Spielart des Metal einen viel höheren Grad an Recht­schaffen­heit, als die feinporige Kussmund-Attitüde der nun rosa angelippten Crüe.

 

Sleaze me back to the Paradise City

1987 : „Girls, girls, girls“ kommt auf den Markt. Dazu der nächste optische „Make­over“, denn die feinsinnigen Zeitgeist-Antennen des Nikki Sixx schlagen erneut Alarm. Grelle Gesichtsbemalung und neon-farbener Spandex werden darob in der Mülltonne entsorgt. U.a. wegen akuter Verwechslungsgefahr mit den zahlreichen Imitatoren. Stattdessen gibt man sich nun in Apehanger-tauglicher Straßenpanier die Ehre. Mitprägung dessen, was unter „Sleaze Rock“ gehandelt wird. In unserer Rück­schau zählen wir also Subgenre Nummer 3 des Metal-Universums, bei dem Mötley Crüe ihre Finger mit im Spiel hatten. Ebenso retrospektiv verbuchen wir auf der Platte ein paar nicht unschräge Nummern mit lässigen Licks und der vorläufigen Selbstfindung Tommy Lees („More cowbell!“). Die super dünne Produktion mit null Tiefen, dafür „Höhen satt“, ist allerdings tatsächlich für den Anus.

Nun, die Musikkritik fand es weiland abermals entbehrlich. Jedenfalls legendäre Tour mit den nachstürmenden Original-Sleazern Guns `n` Roses als Einheizer. „Aus­schweifung galore“, nach dem unter Rotzbuben beliebten „Schisshase“-Prinzip: Wer als Erster die Nadel aus der Vene zieht verliert. Wer sie als letzter kappt mitunter jedoch auch. Dieses Malheur wäre Johnny Thunders-Fan Nikki Sixx schließlich fast passiert. „Wo-hoo!“, johlte dazu entzückt der primitive Mainstream. „Burps!“, kre­batzte angewidert die schmallippige Fachwelt.

Obwohl die Crüe den Weitbrunz-Wettbewerb hinsichtlich Drogen-Abusus also knapp für sich entscheiden konnte, sollten es dennoch Guns `n` Roses sein, die mit „Appetite for destruction“ den weltweiten Mainstream-Peak für die Sunset Strip- Szene setzten…

 

Dr. Feelgood lies

1989: Angesichts des für die Crüe unangenehmen Hypes um die im selben Habitat wildernden Gunners, gelingt das vorläufige Opus-Magnum, der nach Eigendefinition „notorischsten Schlechtärsche Hollywoods“: „Dr. Feelgood“, eingespielt unter der sorgsamen Hand von Studio-Zampano Bob Rock. Das marktwirtschaftliche Para­digma, dass Konkurrenz die Qualität beflügelt, zeigte in diesem Fall Wirkung. Der Legende nach übrigens die erste Platte, die sie stocknüchtern unter Dach und Fach brachten. Und musikalisch tatsächlich die bis dorthin geschmackvollste. Fünf Milli­onen Alben in zwei Jahren über die Budel geschoben, damit größter kommerzieller Erfolg in der Band-Historie. Trotzdem anerkennende Rezensionen seitens der von Zahlen angeblich nicht zu beeindruckenden Musikjournaille.

Aber so richtig wollte man der Band trotzdem noch nicht über den Weg trauen: „Zufall!“, blökten die einen. „Bob Rock und Gaststar-Kapazunder (Aerosmith, Bryan Adams, etc.) haben diesen Stümpern auf die Sprünge geholfen!“, krakeelten andere. Ambivalente Rezeption also. Aufgrund des globalen Durchbruchs der Kritiker-Lieblinge Guns `n` Roses (Mötley Crüe blieben selbst mit „Dr. Feelgood“ v.a. ein US-Phänomen) entwickelte sich in Nordamerika somit der Hardrock-Beef der späten 80er. Quasi das Äquivalent zu Coke vs. Pepsi, Star Wars vs. Star Trek, Prince vs. Jacko: M.C. vs. G`n`R.

Zur Illustration dazu weitere, von uns sinngemäß erfundene und subjektiv kommen­tierte Zitate der damaligen Mehrheitsmeinung: „Guns `n` Roses sind zwar ebenso aus diesem dekadenten Hollywood-Umfeld, aber doch viel mehr ´Street´ und damit ungleich glaubwürdiger!“ Naja. „Axl Rose ist Sänger und versierter Musiker. Vince Neil hingegen eine unmusikalische Rampensau, die sich keine Texte merkt!“ Stimmt. „Mick Mars? Ein Rübenzuzler auf der Sechssaitigen! Der Slash hingegen… “ Stimmt so nicht. „Upsidedown rotierendes Drumkit eh lustig, aber das soll uns doch nur von der rhythmischen Inkontinenz dieses Hrn. Lee ablenken!“ Stimmt sowas von überhaupt nicht.

Dazwischen positioniert und von der Kritik immer ein bisserl ausgenommen: Der nach kaltem Entzug wieder einmal aufmerksam die popkulturelle Gemütslage beobachtende, schlampig geniale, aber eben auch – ganz Yankee – sehr geschäfts­tüchtige Kopf der Band: Nikki Sixx.

Zu welchem Ergebnis er dabei kam, wie sich das auf das sechste Studioalbum der Band auswirken sollte und was das alles mit der Wankelmütigkeit musikhistorischer „Wahr­heiten“ zu tun hat, wird im zweiten Teil dieses LL- Almanach-Elaborats geklärt.

Stay tuned! mk