The Sopranos
W-Bär, 3.3.2002
   Es war einmal vor langer Zeit. Wir schreiben das Jahr 1972. Francis Ford Coppola bringt ein Meisterwerk des zeitgenössischen Films heraus. Eine blutige Symphonie über eine sizilianische Familie die den Mythos der italienischen Mafia auf seine eigene brutalromantische Art darstellt.
   Marlon Brando, Al Pacino und Bob DeNiro glänzen in der insgesamt drei Teile umfassenden "Pate"-Trilogie, die 1990 mit dem dritten Teil ihr Ende findet. Coppola erzählt die Geschichte der Familie Corleone, der mächtigsten Familie Sizili­ens auf seine verkehre Art und Weise, denn obwohl die Welt der Corleones von Brutalität, Mord, Gewalt, Erpressung und anderen kriminellen Akten geprägt ist schafft es Coppola sie zu Helden zu machen. Er dreht den Spieß um. Die Guten werden zu den Bösen, die Bösen zu den Guten.
   So weit so schön. Wer nun aber wirklich wissen will wie es bei den großen Familien zu geht, der sollte ab sofort regelmäßig bei den Sopranos vorbeischauen. Statt dem weisen, gerechten Don Corleone gibt es hier den von Panik-Attacken gebeutelten, Psychiater aufsuchenden, leicht cholerischen, Prozac einwerfenden Tony Soprano, der der kurzerhand seinen Onkel absägt und die Geschäfte der Familie selbst in die Hand nimmt. Ihm zur Seite stehen seine engsten Vertrauten Silvio Dante und Paulie ‚Walnuts’ Gualtieri (Vergleiche zu Rosencrantz und Güldenstern bzw. Estragon und Vladimir sind vollkommen aus der Luft gegriffen) und eine Handvoll anderer aufrechter, dem Boss treu ergebener Soldaten, die ihm bei der Verrichtung seiner Geschäfte unterstützen. Sollte Big T nicht gerade von einer Ratte (Salvatore ‚Pussy’ Bonpensiero) den Tag versaut bekommen gibt’s da immer noch die ‚andere’ Familie, die ihn regelmäßig zur Weißglut treibt. Frei nach dem Motto: Wenn ihn die eine Familie nicht umbringt, dann schafft es die andere, gibt’s da noch seine liebevolle Ehefrau Carmela, die ihn von Zeit zu Zeit wegen seiner kleinen Freundinnen quält, seinen kleinen Waschlappen von Sohn Anthony Jr., seine aufmüpfige Tochter Meadow und die unpackbar schiache, ihn in den Wahnsinn treibende alte Mama Livia Pollio.
   Außerdem gibt’s da dann natürlich das FBI, das ständig versucht ihm ans Bein zu pinkeln, Staatsanwälte die geschmiert werden wollen, Kleinganoven, die sich einbilden sie könnten mitmischen, Restau­rant­besitzer, die zwar gern ein bisschen böse sein würden, aber nicht so richtig können, eine Psychiaterin, die es sogar schafft ihn zu einer Partner­schafts­therapie zu überreden und viele, viele andere kleine Probleme die Tony Soprano das Leben schwer machen.
   Aufgrund des riesigen Erfolges, den die Serie bereits in den Staaten hatte (die dritte Staffel kommt demnächst auf VHS und DVD heraus) sollen die Sopranos nun auch bei uns ihr Unwesen treiben. Der ZDF strahlt zwar bereits die zweite Staffel dieser Familiensaga aus, das allerdings zu einer äußerst unverständlichen und unmenschlichen Zeit (Samstags, um Mitternacht herum). Der ORF zieht nun nach. Ab 2. Juli gibt’s jeden Dienstag ab 0.40 Uhr die erste Staffel. Anschauen! Und damit der Einstieg auch einigermaßen leicht fällt, haben wir noch eine Kleinigkeit vorbereitet. Weil wir von der LL lassen uns ja bekanntlich nicht lumpen:

Crash-Kurs in Sachen Familiengeschäfte

   Wie macht der Mob eigentlich Geld? Und wohin fließt das Geld wenn's einmal eingenommen wurde? Es folgt ein kleiner Crash-Kurs in Sachen Mafiageschäfte: Die wichtigsten Faktoren einer jeden wichtigen Familie bei der Geldbeschaffung sind wie folgt: Diebstahl, Kartenspiele, Buchmacherei, gut verzinste Darlehen, Korruption und Distribution.

Diebstahl: Mobster sind Kriminelle, die jede Gelegenheit nutzen an Kohle zu kommen und davon gibt es, wenn man sonst nix zu tun hat, den ganzen lieben Tag über etliche. Jede für sich mag zwar nicht sehr ergiebig sein, in Summe kommt dann doch allerdings einiges zusammen. Früher einmal kontrollierte der Mob den gesamten 'Schwarzen Markt'. Mittlerweile gibt es allerdings viele ethnische Gangs, die hier ebenfalls mitmischen. Die Consigliere der Familien (wie etwa Silvio Dante) sorgen dafür, dass es hier zu keinen Kompetenzüberschreitungen kommt.

Kartenspiele: Einige Mobster veranstalten gerne kasinomäßige Kartenspiele, die 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche andauern. Für die Organisation erhält der Mob eine Beteiligung aller Einsätze, die am Tisch gemacht werden. Natürlich kommt es bei dieser Gelegenheit auch des öfteren vor, dass einer der Spieler um ein kleines Darlehen ansucht. Welches ihm natürlich umgehend gewährt werden wird. (siehe Einnahmequelle: Darlehen). 2x im Jahr veranstaltet Tony Soprano ein solches Kartenspiel bei dem jedes mal angesehene Ärzte, Rechtsanwälte und sogar ein paar Prominente mitwirken wie etwa Frank Sinatra Jr. oder David Lee Roth. Potentielle Opfer: Ziele: Männer mit überdurchschnittlichem Einkommen

Buchmacherei: Jeder Soldat ist sein eigener kleiner Buchmacher. Und er agiert dabei gleichzeitig als Bank, Eintreiber und Kassier. Es werden Wetten jeder Art angenommen, am meisten jedoch Sportwetten.

Darlehen:  Wenn sich ein Spieler ein wenig überschätzt muss er sich was borgen. Sollten Freunde und Verwandte dem nicht mehr nachkommen wollen, geht's ab zum Mob. Üblicherweise werden Darlehen mit 5% verzinst. Sollte einmal jemand einer Rückzahlung nicht nachkommen, kommt man ganz sicher ihm nach. Und das ziemlich flugs und üblicherweise nicht ohne einhergehender Schmerzzufügung. Potentielle Opfer: verzweifelte Spielersüchtler

Korruption: Die größte Einnahmequelle des Mobs stellen jedoch industrieweite Korruptionsaktivitäten dar. Die große Kohle kommt meistens dann, wenn der Mob gleich ein ganzes Industriesegment sein Eigen nennt.

   Nachdem jetzt einigermaßen klar sein sollte wie der mob'sche Hase hoppelt bzw. die Familie ihren Wohlstand nährt, wollen wir euch aber auch gleich noch ein paar essentielle Begriffe erklären, die man als gestandender Mafioso unbedingt drauf haben sollte. Sonst brabbelt der Big Boss wieder einmal vor sich hin und keiner weiß was Sache ist:

Das kleine Moblexikon

   Administration, die: das Top-Level Management einer Verbrecher-Familie; dazugehörig: der Boss, der Unter-Boss und der Consigliere

Mitarbeiter, Gesellschafter, der: jemand der mit und oder für die/der Familie arbeitet, jedoch den Schwur der Omertá noch nicht abgelegt hat und somit noch kein vollwertiges Mitglied der Familie ist.

Bada Bing, das: Striptease-Lokal von Silvio Dante, dem Consigliere der Soprano Familie

Bücher, die: verweisen auf eine eventuelle Aufnahme in die Familie. Ist die Möglichkeit gegeben, sind die Seiten ‚der Bücher' aufgeschlagen. Wenn nicht dann nicht

Boss, der: der Kopf der Familie. Der Chef, der Häuptling. Der Bartl, der den Most herholt. Der King. Der Obermotz. Er entscheidet wer dazugehört und wer gedögelt wird. Der Boss bekommt von allen Familiengeschäften sogenannte Provisionen. siehe auch: Don, Chairman, Borgata.

Capo, der (auch Captain) das Familienmitglied, das die Crew anführt.
Kurzform für Capodecina.

Captain, der: s.a. Capo, das Familienmitglied, das die Crew anführt;
engl. Ausdrucksform

Code of Silence, der: besagt dass man die übrigen Familienmitglieder im Falle einer Festnahme oder Einvernehmung durch die Polizei, das FBI, den CIA etc. nicht verpfeift. Eine Nichteinhaltung des selbigen wird auf's schmerzhafteste bestraft; siehe auch Omertá

bestätigen: jemanden in den Kreis der Familie aufnehmen, siehe auch:
gemachter Mann, das ist er dann nämlich sozusagen und unwiderruflich

Consigliere, der:der Ratgeber der Familie;
wird bei allen Entscheidungen um Rat gefragt.

Crank, das: Speed; im speziellen: Crystal Meth, synthetische Droge

Crew, die: auch: Bande oder Gang; eine Gruppe von 'Soldaten',
die dem Kommando des Capos unterstehen

Cugine, der: ein junger Soldat, der in die Familie aufgenommen werden will

Don, der: die Rübe der Familie, s.a. Capo, Captain, Big Boss

Familie, die: ein organisiertes Verbrecher-Kartell; s.a. die Corleones,
die Genoveses, die Gottis, die Sopranos

Müllgeschäf, die: Euphemismus für organisiertes Verbrechen

Goldene Zeitalter, das: die Tage for R.I.C.O.; sieh R.I.C.O.

Hit, ein: jemandem den Hahn abdrehen; abmurksen, meucheln,
das Wasser abgraben; in die ewigen Jagdgründe schicken; ermorden

Juice, der: Zinsen, die dem Geldhai für ein Darlehen gezahlt werden.
Und die sind meistens gar nicht einmal so niedrig.

gemachter Mann, ein (‚made man'): ein indoktriniertes,
vollwertiges Mitglied der Familie

Scheinexekution, die: jemandem eine Lehre erteilen, indem man ihm unter Gewaltandrohung- und anwendung gehörig das Fürchten lehrt (z.B. ihm die Scheiße aus dem Leib prügelt; verstümmelt; anschießt; vermöbelt etc.); ihn jedoch nicht nicht wirklich umbringt

Mattresses, going to, taking it to, or hitting the: in den Krieg gegen eine verfeindete Familie ziehen.

spezielle Nachricht, eine: jemandem eine Kugel in eine bestimmte Stelle des Körpers jagen, damit jeder weiß wer hier am Werk war und wieso, s.a.: in das Auge, in den Mund

Omertá, die: ein Schwur, der bei Aufnahme in die Familie geleistet wird und der bei Nichteinhaltung mit dem Tod bestraft wird. (Welcher von den Schwurbrechern gemeinhin, ob der vorangegangenen körperlichen und geistigen Behandlungen, als Erlösung angesehen wird.)

Frühlingsputz, der: aufräumen, Beweise vernichten,
Ratten und/oder Zeugen beseitigen

Tribut zollen: einen Teil des Gewinnes an den Boss abtreten

pinched, to get: von den Cops geschnappt werden; kassiert; eingebuchtet; verhaftet werden

Programm, das: das Zeugenschutz-programm

Ratte, die: jemand der singt nachdem er von den Bullen geschnappt wurde

R.I.C.O.: ein Gesetzesentwurf bezüglich "Gangster und korrupte Organisationen" (engl. "Racketeer Influenced & Corrupt Organizations Act"). 1970 verabschiedet, soll er der Regierung eine effizientere Bekämpfung des organisierten Verbrechens ermöglichen.

Shylock Business, das: das Geschäft der Geldhaie

Soldat, der: hierarchisch gesehen das unterste Mitglied einer Familie

durch das Auge: eine Kugel, die durch das Auge geschossen wird bedeutet: 'Wir beobachten dich!', 'Wir haben dich im Auge, du Ziegenarsch!'

durch den Mund: eine Kugel durch den Mund stellt unwiderruflich klar, dass der in den Mund geschossene eine Ratte war und gesungen hat. Und das können Mobster gemeinhin gar nicht leiden.

Unterboss, der: der zweite in der Hierarchie der Familie

Wiseguy, der: ein gemachter Mann (‚made man'); jemand der bereits in die Familie aufgenommen wurde und nun zu den Obercheckern zählt.

whack, to: jemanden ermorden s.a.: clip, hit, pop, burn, einen Vertrag erfüllen, meucheln, abmurksen, ans Bein pinkeln, den Hahn abdrehen, das Wasser abgraben, kaltmachen, in die ewigen Jagdgründe schicken, die Butter vom Brot nehmen, auf die Matratze schicken, ins Gras beißen lassen

   Sodala. Hätt'ma das auch geklärt. Und zum Abschluss gibt's noch einen kleinen nerdigen Einschub: Als paranoider Verschwörungstheoretiker könnte man es gar ein wenig mit der Angst zu tun bekommen. Warum? Ganz einfach: die Wege der Sopranos-Schauspieler haben sich auch außerhalb New Jerseys (Drehort der Sopranos) schon des öfteren gekreuzt. In vielen der angeführten Filme spielt die Mafia eine nicht unerhebliche Rolle ("Bullets Over Broadway", "Cop Land", "Goodfellas", "Mickey Blue Eyes" etc.). Was nun natürlich reiner Zufall sein kann! Kann! Aber nicht unbedingt muss! Wenn man dann auch noch beachtet, dass sämtliche Schauspieler italienische Namen tragen ...

Mickey Blue Eyes (1999) mit Vincent Pastore (Salvatore "Big Pussy" Bonpensiero), Frank Pellegrino (Agent Frank Cubitosi), Tony Sirico (Pauli "Walnuts' Gaultieri") und Tony Darrow (Larry Boy Barese)

Summer Of Sam (1999) mit Michael Rispoli (Jackie Aprile) und Michael Imperioli (Christopher Moltisanti)

Goodfellas (1990) mit Lorraine Bracco (Therapeutin Jennifer Melfi), Tony Darrow (Larry Boy Barese), Michael Imperioli (Christopher Moltisanti), Tony Sirico (Pauli Gaultieri), Vincent Pastore (Salvatore Bonpensiero) und Frank Pellegrino (Agent Frank Cubitosi)

Night Falls on Manhatten (1997) mit Dominic Chianese (Junior Soprano), James Gandolfini (Tony Soprano), Vincent Pastore (Salvatore "Big Pussy" Bonpensiero)

The Juror (1996) mit James Gandolfini (Tony Soprano), Michael Rispoli (Jackie Aprile)

The Addiction (1995) mit Edie Falco (Carmela Soprano), Michael Imperioli (Chris Moltisanti)

Bullets Over Broadway (1994) mit Edie Falco (Carmela Soprano), Tony Sirico (Pauli 'Walnuts' Gaultieri), Tony Darrow (Larry Boy Barese)

Cop Land (1997) mit Edie Falco (Carmela Soprano), Tony Sirico (Pauli 'Walnuts' Gaultieri), John Ventimiglia, Frank Pellegrino (Agent Frank Cubitosi) und Annabella Sciorra (Gloria Trillo)

Romeo is Bleeding (1993) mit Annabella Sciorra (Gloria Trillo) und Tony Sirico (Pauli 'Walnuts' Gaultieri) W-Bär





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