Jane's Addiction „The Great Escape Artist"
Markus, 16.11.2011
   Ah, eine Premiere! Die erste Jane`s Ad­dic­tion-Review auf der LL seit jeher. Nun, die waren einmal verdammt wichtig. Für den Rock im Allgemeinen (siehe LL-Rock-Almanach) und für die Entwicklung uns­eres Musikgeschmacks im Besonderen. Ei­ne von jenen seltenen Bands auf der persönlichen (musikalischen) Roadmap bei der man noch ganz genau weiß, wann man sie zum ersten Mal im Musik­fern­sehen sah. Ein phonographischer Genie­streich ("Ritual de lo habitual"), bei dem uns noch lebhaft in Erinnerung ist, wo und wann man ihn mit vor Aufregung ge­rö­teten Wangen käuflich erwarb. Hat unser dazumal auf strukturkonservativen Hair­metal ausgerichtetes Sensorium tüchtig durchgeblasen und neu kalibriert. Kurzum: Es war bedeutsam, es war toll. Also nähert man sich an eine derartige Platten­be­sprechung am besten „vorsichtig auf Zehenspitzen wie ein Liliputaner am Pinkel­becken" (© Frank Drebin/"Die Nackte Kanone"). Daher zur Sicherheit die Reka­pi­tu­la­tion der bisherigen Studioalben. "Nothing`s shocking": 1988 und allgemeines "Bumms­tinazl!". "Ritual de lo habitual": 1990 und perplexes "Hat­man­noch­nicht­ge­hört!". Darauf Auflösung und lange Pause. Schließlich "Strays": 2003 und "Eh super!". Sehr rockig, vergleichsweise geradlinig und damit nicht mehr der ganz abgefahrene Stoff von Episode 1. Daraufhin abermals Pause. Nun 2011, Episode 3 und Studio­werk Nummer 4 ihrer 25jährigen Bandgeschichte: "The great escape artist".
   Für die Combo untypische, bedeutungsschwangere Keys begrüßen das Auditorium und den Track "Underground". Nach wenigen Takten entschwinden selbige in den unendlichen Weiten des Fades und Vertrautes gewinnt das Ohr: Navarros Sechs­saiter-Opulenz, Perkins konsequent gegen den Strich gebürstetes Schlagwerk und Farrells stratosphärischer Gesang. Eric Averys (Orignal-Basser) Tiefton-Fundament musste Dave Sitek (TV on the Radio) einfideln, denn der verweigert sich weiterhin jeglicher Studio-Reunion. Ja schwingt ganz proper dahin der Song, kann man nicht maulen. Schnitt und nächster Streich. "End to the lies" und also bereits in der Frühphase bestes Lied auf "The great escape artist". Wui, da lässt er`s raushängen, der Mr. Overdub aka Dave Navarro! Großartig wogender Psychedelic-Rocker in farbenprächtiger Cinemascope-Ausleuchtung. Hätte genauso auf "Nothing`s shock­ing" stattfinden können. Wir sind Endorphin-gebeutelt und glücklich. So klang der noch junge US-Alternative Rock bevor ihm im Herbst ´91 im Zuge des Hypes um Seattle mittels der Grunge-Methode die Haare neu onduliert wurden. Daran an­schließend "Curiosity kills". Hat es nach dem vorangegangenen Wellenbrecher selbstverständlich nicht leicht. Das einleitende Bass-Riff kennt man von Nine Inch Nails. Also eh von Jane`s Addiction. Denn (Nerd Alert!) Industrial-Wizard Trent Reznor vergenusszwergelte bereits auf der ollen "Pretty hate machine" (1989) Samples von "Nothing`s shocking" und lud sich später immer wieder und gerne Mitgliederder südkalifornischen Ausnahmeband zur Unterstützung ins Studio... Gitarren? Ja die gibt`s. Säuseln verhalten im Bühnenhintergrund. Stattdessenprotzt breitbeinig und selbstbewusst das E-Piano im Frontstage-Bereich. Am Be­merk­ens­wertesten: das Geklimper erinnert nach mehrmaligen Durchläufen irgendwie an die Simple Minds (Alive and kickin`!?) und somit an U2 (!!). Seltsam. Dennoch eh ganz Ding. Für Jane`s "The mother of weird" Addiction allerdings ungewöhnlich im Mainstream mäandernd. Unterstrichen durch die Zierzeile einer eher kontrastarmen Vocalline, bei der Farrell hörbar darum bemüht war, möglichst moderat zu klingen. In diesem Umfeld wollte Navarro offenkundig nicht hintanstehen und solierte die (verhaltenen) Leads in bester The Edge-Manier ins Mischpult. Hm. "Irrresistable force" volliert ab und paniert uns Rick James-mäßig die Backen. Ist "Curiousity kills" noch vertretbar, handelt es sich hier um den ersten J.A.-Song überhaupt (!!), der so richtig für den Lokus ist. Pathetischer Ungewissheits-Rock für die Großraumdisco im Stile von Within` Temptation trifft auf Enya und Michel Cretus Enigma. Viel gebackener geht`s eigentlich nimmer. Skippen und weiter. Ein Stück Glück, "I`ll hit you back" gefällt deutlich besser. Man erlaubt den Gitarren wieder mehr Führung, viel zu dick aufgetragene Keys erfreuen mit ihrer Abwesenheit. Der große Wurf ist es unter der Last der eigenen Bedeutung jedoch nicht. Denn hier bewirkt die ebenfalls auf Zugänglichkeit getrimmte Komposition den Effekt, dass die Truppe mehr nach einer "Inspired by Jane`s Addiction"- Formation, denn nach sich selbst rüberkommt. Nichtsdestoweniger eine ganz hübsch schwingende Nummer, Hakerl. "Twisted tales" und "Auweh, auweh!".Purzelt unheilvoll in nach Nebelmaschine miachtelndem Gothic-Pop-Mantel aus den Lautsprechern, dass es uns die Nasenborsten in die Nebenhöhlen frisiert. Der Refrain vollendet die begonnene Arbeit und kitzelt uns garstig die Stirnhöhle. Zweiter Griff ins Klo. Es keimt die betrübliche Erkenntnis, dass auf "The great escape artist" – apropos Toilette – manches in die Hose ging. Z.B.die mehrheitlich ebenso sittsame wie fade Instru­ment­ierung. Oder diemittelmäßigen Vokalarrangements. Hinter welchem Synthie­modem verstecken sich die vollendeten Riffs? Welcher Tunichtgut zog einem der groß­artigsten Axtmänner der letzten 25 Jahre den Stecker und ging hinterher mit mindestens 20 formidablen Gitarrenspuren stiften? In welche Richtung verab­schie­dete sich Perkins furioses Schlagwerk? Was sollen diese enervierenden Bemühungen Farrells um angepassten Gesang inklusive der vollständigen Kübelung, der ehemals J.A.-immanenten, verqueren Background-Vocals? Kürzen wir diese leider schmerz­volle Review ab: "Ultimate reason" ist ganz ok, was jedoch für derartige Magnaten des Rock eine maue Bilanz ist. Zu "Splash a little water" fällt uns nix ein. Die Ballade "Broken people" zappt zwar für wenige Momente Erinnerungsfetzen an "Ritual de lo habitual" durch die Synapsen, haselt im letzten aufgrund fehlender Brüche in Arrangement und Interpretation dann auch nicht viel ab. Das abschließende "Wir können eh noch immer schräg rocken!"-Feigenblatt "Word`s right out my mouth" entpuppt sich im finalen Dauertest schließlich als ebenso inspirationslos wie die Mehrzahl der gebotenen Kompositionen. So haben wir uns das nicht vorgestellt...   
    Das Positive: in diesem Kontext ist "Strays" näher dran an der genialen Ver­gangenheit und deshalb – rückblickend - ganz schön gut. Das Negative: für Kauf­haus-Musik braucht man Jane`s Addiction jetzt wirklich nicht, die bringen andere überzeugender. Schade, wir hätten`s wirklich gerne abgefeiert. mk








› Release: 10/2011
› Label: Capitol Records
› Links: Website, MySpace
› Video: End to the Lies

Tracklist:
01. Underground
02. End to the Lies
03. Curiosity Kills
04. Irresistible Force
05. I'll Hit You Back
06. Twisted Tales
07. Ultimate Reason
08. Splash a Little Water on It
09. Broken People
10. Words Right Out of My Mouth

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