Lit „The View From The Bottom"
Markus, 19.8.2012
   Seit langem angekündigt liegt sie nun also auf dem Tisch: die neue Lit, „The view from the bottom“. Mit diesen Lit verhält es sich grundsätzlich ja sehr ähnlich wie mit Zebrahead. Sie entstammen wie jene dem sagenumwobenen Orange County südlich von Los Angeles (genauer: Fullerton, u.a. Heimat der reizenden Gwen Stefani) und waren in Übersee dazumal ziemlich an­ge­sagt (genauer: erste Hälfte der 00er- Jahre). Vice versa hat man sich für Lit in Europa nie interessiert, trotzdem gehören sie zur Riege der erklärten Favoriten der LL. Das u.a. deshalb, weil sie eine sehr lebensfrohe Spielart des Rock pflegen, wie auch die fünf Gaude-Kaiser von Zebrahead. Im Detail wanderten Lit selbstverständlich auf anderen Pfaden, wie langjährige und aufmerksame Leserinnen und Leser der LL natürlich wissen. Wir fassen zusammen: Mit dem Debüt „Tripping the light fantastic“ (1997) präsentierte sich die Combo noch eher psychedelisch bis grantig. Eben in der Art wie das in den 1990er unter Rockbands Etikette und gutem Ton entsprach. Dafür erntete das Quartett durchwegs lobende Kritiken, sogar in der europäischen Fachpresse. Finanziell war die Platte jedoch nicht der große Burner. Mit dem zweiten Album („A place in the sun“/1999) trieb die Zeitgeist-Welle den Vierer an jene Gestade, in welchen er in Nordamerika schließlich reüssieren sollte: südkalifornischer Punk, der sowohl um Altvordere wie Social Distortion oder Cheap Trick genau Bescheid weiß, in das Ganze allerdings glamouröses 80er-Hardrock-Gepose homöopathisch inte­griert und schließlich mit subtilen Marvin Berry-50ies-Vibe aufmascherlt. Feine Sache also, die aber von der Mehrzahl hiesiger Fachmagazine als 08/15-College­rock verhöhnt werden sollte. Nach dem großartigen „All killer, no filler“-Output „Atomic“ (2001) sackte die Verkaufskurve leider ab, was wahrscheinlich die Ursache für die wieder etwas mehr „Alternative“ dreinblickende letzte Studio-VÖ (dto./2004) war. Trotz aller Güte machte jene das (finanzielle) Kraut jedoch detto nicht fett. Wer jetzt brav nachgerechnet hat stellt fest, dass zwischen Album Nummer 4 und der nun zu besprechenden Scheibe imposante 8 Jahre liegen. Im Falle von Lit hat das zwar sicherlich mit einer durch Erfolgslosigkeit induzierten Orientierungslosigkeit zu tun. Darüber hinaus musste die Band in den vergangenen Jahren allerdings auch veri­ta­ble Schicksalsschläge wegstecken, deren trauriger Tiefpunkt der Tod von Zeugler Allen Shellenberger im Jahr 2009 war. Bei einer sehr familiär ausgerichteten Band wie Lit, deren Mitglieder unter wechselnden Bandnamen (Razzle, Stain, Lit) in unum­stöß­licher Besetzung seit Teenagertagen miteinander musizierten, brauchte es da selbstverständlich seine Zeit bis man wieder Boden unter die Füße bekam und sich nach Ersatz umsehen konnte. Der wurde schließlich in Nathan Walker gefunden. Wenig später holte man noch Ryan Gilmor als Rhythmusgitarristen hinzu. Womit Lit nun erstmals in Fünfer-Besetzung das Studio bespielten. Für die Produktion von „The view from the bottom“ gewannen sie ihren alten Spezi Butch Walker, welcher in den späten 90er/frühen 00ern mit Marvelous 3 eine ähnlich gebürstete Rockband betrieb und mittlerweile v.a. als gefragter Studio-Wizzard und Co-Songwriter mit breitem Einsatzspektrum relevant ist (u.a. für Sevendust, Tommy Lee, Fall Out Boy, Bowling For Soup, Pink, Avril Lavigne, u.v.m.). Das aufmerksame Studieren des Book­lets lässt Bemerkenswertes zu Tage treten: entgegen der bisherigen Gepflogenheit hatten bei der Songschreiberei diverseste Co-Songwriter ihre Griffel mit im Spiel. Neben dem notorischen Butch Walker u.a. ein gewisser Hr. Marti Frederiksen, seines Zeichens Spezialist für radiofreundlichen Rock und Studio-Adlatus bei den letzten Def Leppard-VÖs. Ein Hinweis darauf in welche Richtung das Album marschiert? Hmm...
   „C´mon!“, ruft uns frohlockender Männergesang zu und wir folgen bereitwillig. Erste Verdachtsmomente werden fürs Erste bestätigt: sehr sauber - man möchte fast sagen poliert - produziert, geht es getragen halbakustisch durch den Vers, um sich anschließend gedämpft euphorisch im Arena-Shoutalong des Refrains zu wiegen. Tut nicht weh, ist ganz gefällig, mehr aber auch nicht.
   Das klassische Jeremy Popoff-Riff in legerer „Stop and Go“-Rhythmisierung zur Eröffnung von „You tonight“ schmückt uns eindeutig mehr. Hier sprudelt definitiv ein Song, der uns wohlige Erinnerungen an „Atomic“ und „A place in the sun“ durch das limbische System schwappt. Textlich wird die zu erwartende Mann-Frau-Un­züch­tig­keit durch die Lautsprecher gejagt. Bedauerlicherweise weniger subtil als gewohnt. Lit hatten am Gipfel ihrer Schaffensphase ja durchaus eine sichere Hand, inhaltlich Banales mit hintersinnigen Phrasen und pfiffigen Wortspielen zu verklausulieren. In diesem Fall gerät ihnen die Abhandlung über Zungenkuss und Koitus jedoch eindeutig zu plakativ und pubertär. Ein Glück, dass lyrischen Einfaltspinseln wie uns die Musik stets wichtiger ist als der Text. Daher: guter Song.
   „Same shit, different drink“
. Ein Titel so gepflegt wie saftiges Aufstoßen beim Galadiner. Wobei, abermals gute Mucke in traditioneller Daherkommung. Der ein­ge­fleischte Lit-Head erkennt bei genauerem Hinhören die Fortsetzungsgeschichte hinter den Lyrics. Man zitiert Selbstfabriziertes, nämlich die Schlankl-Hymne „My own worst enemy“ („A place in the sun“). „My car is in the front yard, think I´ve been here before...“ Als augenzwinkernde Referenz geht der Text in Ordnung, ansonsten ist die verbale Gebarung im Abgleich mit früheren Elaboraten erneut beeindruckend plump geraten. Nun, wir bemühen uns weiterhin, jegliche dichterische Inkontinenz zu ignorieren. So lange nur die tonale Inszenierung den Level hält! Zur allgemeinen Ernüchterung tut sie das leider nicht.
   Mit „Miss you gone“ rumpelt dem Hörer ein stumpfer Synthie-Beat energisch ent­gegen, der im Weitern zwischen Dance-Poprock der Marke Maroon 5 (!) und Miley Cyrus (!!) torkelt. Hui ist die Nummer übel!
   Weiter zu „The broken“. Es erklingt das Intro von „Pour some sugar on me“ (Def Leppard), nur in schlecht. Zum ernüchternden Höhepunkt gipfelt „The broken“ in einem unsäglichen Mitsing-Refrain, der von imponierender Beiläufigkeit ist. Nix gegen 80er-Hairmetal und nix gegen Def Leppard, aber das hier ist fraglos Sta­dion - Rock für ganz Arme.
   Es folgt die nebulöse Schmusenummer „She don`t know“ . Nun, wir wissen es auch nicht. Wohin das führen soll nämlich.
   Das folgende „Nothing`s free“ stolpert durch halbangenehme, tanzorientierte Pop­grooves, welche hier immerhin von einem analogen Zeugl in Szene gesetzt wurden. Trotzdem würde der Track einer Kelly Clarkson besser zu Gesicht stehen. U.a. auf­grund vorsätzlicher Phrasendrescherei: „Nothing´s free, nothing but me!”. Na genau. Wurde hier mit Ausschussware aus dem Butch Walker-Fundus operiert? Man weiß es nicht.
   Nach dem vier Lieder währenden Marsch durch die Wüste Gobi labt „You did it“ den dehydrierenden Fan mit nahrhaftem Elektrolyt, das man mit großer Er­leich­ter­ung als Schmackofatz einsortieren kann.
   Die Verzückung ist allerdings nur von kurzer Dauer und wird jäh von akutem Ma­gen­schmerz unterbrochen, denn der Pseudo-Muskel-Rocker „Partner in crime“ sem­melt uns eine Breitseite in den Unterleib und mischt das erschütterte Auditorium mit einem astreinen Bon Jovi-Spätwerk auf: Voice Box, Stampf-Beat, Mitgröhl­refrain, aalglatt produziert, fast nicht zum Derblasen.
   Die Ballade „Here`s to us“ ist dem Sterben ihres Schlagzeugers gewidmet und wird daher aus Pietätsgründen von jeder Kritik ausgenommen.
   Das Piano-lastige „The Wall“ erinnert auf unheilvolle Weise, an die ebenso hilflosen wie grottenschlechten Versuche Salivas sich dem Formatradio devot anzudienen und bedarf daher keiner näheren Erörterung.
   Bleibt „Right this time“, bei dem sich Lit zum unerwarteten Abschluss noch einmal so präsentieren, wie man sie weiland kennen und lieben gelernt hat. Gleichermaßen lässiger wie verhalten sehnsuchtsvoller Rocker, der über geschmeidige Hooks und ebensolche Licks verfügt.

   In der Endabrechnung bietet „The view from the bottom“ also vier gute und drei fade Songs sowie fünf Tracks, die ohne Wenn und Aber „for the bottom“ sind. Bedauerlicherweise sehen wir uns hiermit zur selben Conclusio wie im Fall der letzten Jane`s Addiction genötigt: „Schade, wir hätten es wirklich gerne abgefeiert!“ mk








ComScore

› Release: 06/2012
› Label: Megaforce/MRI
› Links: Website

Videos:
Same Shit, Different Drink
You Tonight
The Broken

Tracklist:
01. C'mon
02. You Tonight
03. Same Shit, Different Drink
04. Miss You Gone
05. The Broken
06. She Don't Know
07. Nothing's Free
08. You Did It
09. Partner In Crime
10. Here's to Us
11. The Wall
12. Right This Time

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