Sugarcult „Lights Out"
W-Bär, 21.8.2006
    Ojegerl! Der erste Eindruck von "Lights Out" ist ein gar nicht mal so guter. Und - das kann jetzt getrost gleich einmal vor­weg genommen werden - es wird auch nimmer besser. Und das behauptet jetzt jemand, der SUGARCULT bis dato neben LIT, HANDSOME DEVIL & ZEBRAHEAD zu den ganz Großen der zeitgenössischen, kalifornischen Populärmusik gezählt hat. Die neue Platte ist allerdings leider ein veritabler Griff ins Leere. Aber gemma's einmal Schritt für Schritt bzw. fade Num­mer für fade Nummer durch:

   "Lights Out": Ein kurzes Intro mit einem dezenten Hauch englischer Schrulligkeit, der bereits böses erahnen lässt. (Anm. England; englisch = räudiger Pseudo­kunst­studenten­rock a la Franz Ferdinand, The Killers, The Strokes u.a. Kapellen, die sogar hauptsächlich aus den Staaten kommen aber krampfhaft einen auf Engländer machen und den wavigen Sound der 80er imitieren und mir damit gehörig auf den Keks gehen; siehe auch FM4) 

   "Dead Living": Oha, vielleicht ist ja doch alles halb so schlimm. "Dead Living" ist unverkennbar Sugarcult. Schnörkselloses abgerocke. So gehört sich das! Dafür gibt's doch glatt ein Sternderl. Hoffnung keimt auf...

   "Los Angeles": Und aus die Maus! Der soeben noch zart aufkeimende Hoffnungs­schimmer wird auch gleich wieder schonungslos niedergeschmettert und hemm­ungs­los malträtiert. "L.A." beginnt mit Drum Computer-Sounds und klingt auch sonst ganz schiach nach New Yorker Kunststudentenquargl. Außerdem wird schon wieder über Los Angeles genörgelt. Das gibt gleich einmal ein dickes, fettes Minus und das Sternderl wird wieder ausradiert.

   "Do it Alone": Die erste Single. Prackt mich auch nicht vom Barhocker. Da kann ich mir so richtig schön vorstellen, wie der blade Studiomanager dort gestanden ist, gerade übelst schwitzend eine fettige Schnitzlsemmel inhaliert und den Buben erklärt hat, dass das die erste Single wird. Schnell noch ein schönes Video dazu und fertig ist das Schmachtwerk für die kleinen Mädchen. Klingt zwar ganz nett und hat Ohrwurmcharakter, kann aber nicht wirklich überzeugen.

   "Explode": Aber es soll noch schlimmer kommen. Und wieder glotzen Franz Ferdinand und Konsorten blöd grinsend beim Fenster rein. "Explode" ist überhaupt eine der furchteinflößendsten Nummern auf der Platte. Sänger Tim Pignotta singt allerweil "Somebody save me". Das denk ich mir auch grad. Höft's ma! Das is' ja nicht zum derblasen. Die Nummer dauert aber gottseidank nur 1.52 min. Schnell weiter zur nächsten.

   "Out of Phase": Ah, endlich wird wieder g'scheit dahingerockt. Aus den Boxen quillt ein fettes Gitarrenriff das sich mit einer fiesen, durchhängenden Basslinie anlegt ohne ihm in die Quere zu kommen. Und trotzdem: auch hier wieder eine dezente 80er-Jahre-Verbeugung, weil wenn das Zeugl-Intro nicht nach The Knack's "My Sharona" klingt, dann weiß ich auch nicht. Und warum muss ich bei der Bridge dauernd an die Pet Shop Boys (!!!) denken??? Äußerst bedenklich...

   "Made a Mistake": Es ist soweit: ein dezenter Angstschweißausbruch durchtränkt meine zartbehaarten Achselhöhlen und mir stellt's endgültig die Sackhaare auf! Das Gitarrenriff klingt ein bis'l nach frühen The Cult anno 1985 und beim Gesang drängen sich unweigerlich die furchtbar faden Depeche Mode ins Hirn. Und die konnt ich ja bekanntlich noch nie leiden. Bist du deppat, die Nummer kann ja überhaupt nix ...

   "Riot": Ah, gottseidank, es wird wieder schneller. Eine kurze Verschnaufpause quasi. Nettes Riff, das. Eine der wenigen Nummern, die auch auf "Power Lines" oben sein hätte können. Endlich ein kleines Highlight. Sternderl, setzen.

   "Majoring in Minors": wie befürchtet war "Riot" doch nur ein kleiner Ausrutscher. "Majoring" ist nämlich wie seine Vorgänger alles andere als ein Ausseriss. Klingt zwar ganz nett, ist aber eigentlich auch ziemlich fad. Mein Hirn tut plötzlich weh und ich weiß nicht warum ...

   "Shaking": siehe "Majoring in Minors". Nett, aber fad. Künstlich klingender Drum Computer Beat inklusive. Jetzt krieg ich auch noch Schädlweh. Irgendwas hat's da... und wo kommt diese Riesenbeule auf meiner Stirn plötzlich her?

   "The Investigation": die Ausdünstung einer klassischen Sugarcult-Ballade. Mit dem Fitzelchen von Umstand, dass sich wieder die 80er erbarmungslos durch's musi­ka­li­sche Gwaaand zwängen. Ich könnt schwören da nudelt U2's The Edge im Hinter­grund herum. Und oha! Jetzt hab ich's aber gleich Dicke. Die blanke Erkenntnis pflügt sich ihren Weg durch's Dickicht meiner Gedankengänge. Die Beule muss ich mir wohl bei einem der zahlreichen narkoleptischen Anfälle, denen ich in den letzten dreißig Minuten erlegen bin, zugezogen haben. Wobei ich wohl jedes Mal mit meiner Rübe erbarmungslos auf die Tastatur geknallt bin. Ob's wohl an der Musik lag? Aber nein, ich bitt'sie, nicht doch!

   "Hiatus": Pfah, endlich geschafft. Die letzte Nummer klingt aus und eine Riesen­erleichterung macht sich breit. Schnell was anderes eingelegt und nix wie weg. Ah so, ja: "Hiatus" ist natürlich detto schnarchfad und kann auch sowas von nix.

   Bleiben gerade einmal drei nette Nummern und ein ganz ein grauslicher Nach­geschmack. Meinen die das jetzt ernst oder wollen sie sich nur an die ganzen New Yorker Kollegen anbiedern um mehr Platten zu verkaufen? Nix genaues weiß man nicht und nach der Platte will man's eigentlich auch gar nimmer wissen. Conclusio: Sugarcult sind leider musikalisch endgültig dort angekommen wo sie stylingmäßig schon seit einigen Jährchen herumkrebsen. So wie die punkig-ledschade Panier Designer-Anzügen, Engländermützen und schwarzen Lederkrawatten weichen musste, wurde auch dem oberleiwanden, kalifornisch-spaßigen Gerocke kurzerhand der Garaus gemacht, ein musikalisches Zugticket gelöst, dem sonnigen Santa Barbara der Stinkefinger gezeigt und New York und seinem doch so coolen und angesagten Kunststudentenmilieu in den übelst stinkenden Popo gekrochen.

   Da bleiben grad einmal die ersten beiden Sugarcult-Alben als Trost zurück und das unstillbare Verlangen doch lieber schnellstmöglich die "Lights Out" zu drehen, damit die neue Platte möglichst keiner findet! W-Bär






› Release: 09/2006
› Label: n/a
› Links: Website, MySpace

Tracklist:
01. Under the Western Stars
02. Now
03. Shine
04. Hater
05. The Drama King
06. Glorious
07. A Taste of Hell
08. Portland Rain
09. A Shameless use of Charm
10. Clean
11. Broken
12. Your Arizona Room

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