Was zum Geier ist Alan Smithee?
Markus, 1.5.2005
   Alan Smithee aka Allan Smithee, Allen Smithee, Alan Smithee Jr., A. Smythee Ana­gramm von "The Alias Men"; aka "The World's Lousiest Director"; "The Scape­goat". Alan Smithee ist des Reschissör's aller­letzter Ausweg wenn der fertig­ge­stellte Film furchtbar in die Hose ge­gang­en ist. Dann darf er nämlich mit freund­lich­er Genehmigung der Director's Guild seinen Namen zurückziehen und das Pseudonym Alan Smithee verwenden. Al­ler­dings auch nur in ganz wenigen Aus­nah­me­fäl­len. So muss er auch unter an­der­em nachweisen können, dass er beim "Final Cut" nix mehr mitreden durfte.
   Angefangen hat alles 1967 mit dem Richard Widmark-Westler "Death of a Gunfighter". Nachdem sich Original-Re­gis­seur Robert Totten mit seinem Hauptdarsteller angelegt hatte, wurde er kurz­en­tschlossen gefeuert und durch Don Siegel ersetzt (Siegel war quasi Clint Eastwood's Haus- und Hof-Regisseur - z.B. "Dirty Harry", "Two Mules for Sister Sara" aka "Ein Fressen für die Geier" und "Escape from Alcatraz"; hat außerdem noch "The Shootist" mit John Wayne und "Rough Cut" mit Burt Reynolds und David Niven dirigiert). Nachdem dann der Film fertig war weigerte sich Siegel allerdings seinen Namen dafür herzugeben, weil er der Ansicht war, dass Totten eigentlich viel mehr geleistet hat als er selber. Widmark wiederum wollte aber nicht, dass Totten's Name aufscheint. Also einigte man sich auf einen Kompromiss und das Pseudonym Alan Smithee ward geboren. Und davon sollte in den nächsten Jahrzehnten noch so manch Kapazunder profitieren: David Lynch war mit der TV-Version von "Dune" alles andere als zufrieden. Ergo: im Fernsehen kann man im Vorund Abspann "directed by Alan Smithee" lesen. Detto Sidney Lumet. Der hat sich ebenfalls über die TV- Version des Cop-Thrillers "Q&A" (1990), aka "Tödliche Fragen" (mit Nick Nolte & Armand Assante in den Hauptrollen) ärgern müssen. Weitere Smithee-Filme: Dennis Hopper's "Catchfire" (starring Dennis Hopper, Jodie Foster, Vincent Price & John Turturro), John Frankenheimer's "Riviera" (1987) und Arthur Hiller's "Burn Hollywood Burn" (1997).
   Aber Alan Smithee führt nicht nur Regie. 1997 schrieb Sam Raimi ("Evil Dead" Trilogie, "Spiderman" und "The Gift") das Drehbuch zu "The Nutt House", einer seichten Komödie über zwei Brüder, die ihre Rollen tauschen. Raimi dürfte das End­ergebnis dann derart peinlich gewesen sein, dass er nicht lang zögerte und flugs seinen Namen zurückzog. Und damit ihm nicht fad wird arbeitet der Herr Smithee auch noch als Kameramann und Schneider. Ein paar Beispiele gefällig? Überhaupt Kein Problem: "Anonyme Nymphomaninnen: Vorname genügt" (1997), "Teeny Exzesse 51 Karbol-Mäuschen" (1997) und "Anmacherinnen 4: Kleine freche Gören" (1996) (nähere Infos gibt's in der IMDB).

   Kurioses am Rande: 1997 verfilmteArthur Hiller ein Drehbuch von Joe Esterhas ("Flashdance", "Showgirls", "Basic Instinct"). Eine Satire über Hollywood, in der es um einen aufstrebenden Regisseur namens Alan Smithee (Monty Python's Eric Idle) geht, der nach Hollywood kommt und dort aber dermaßen vom Studio überfahren wird, dass er seinen Namen vom im Film gedrehten Film zurückziehen und stattdessen ein Pseudonym verwenden will. Da hat die Director's Guild allerdings bekanntlich auch noch ein Wörterl mit zum reden. Die hat nämlich just für solche Fälle eben den Namen Alan Smithee registrieren lassen und weigert sich nun ein anderes Pseudonym zu akzeptieren. Nun war's so, dass der fertige Film von Arthur Hiller - trotz Cameo-Auftritten von Jackie Chan, Whoopie Goldberg, Sly Stallone und Billy Bob Thornton (die übrigens allesamt sich selbst spielten) - den Studio-Bossen scheinbar nicht zu gefallen wusste und die Verantwortlichen daraufhin den Final Cut in Joe Esterhas Hände legten. Nachdem Esterhaz den Film nach seinen Vorstel­lungen geschnitten hatte zog Arthur Hiller, der das Endergebnis schlicht furchtbar fand, seinen Namen selbst zurück ... (!) und aus der Filmgeschichte wurde Wirk­lichkeit.
   "Burn Hollywood Burn"
war dann auch der letzte Film für den das Pseudonym Alan Smithee verwendet wurde und mit "Supernova", einem Film vom großen Walter Hill ("48 Stunden", "Last Man Standing", "Johnny Handsome", "Red Head") aus dem Jahr 2000 wurde die Post-Smithee-Ära  eingeläutet und der Name Alan Smithee durch Thomas Lee ersetzt. (Die Walter Hill-Version von "Supernova" kam beim Studio scheinbar dermaßen schlecht an, dass kurzerhand niemand geringerer als Francis Ford Coppola ("Der Pate"-Trilogie, "Apocalypse Now", "Dracula", "Rumble Fish") engagiert wurde um den Film umzuschneiden. Allerdings dürfte nicht mehr viel zu retten gewesen sein und letztendlich weigerten sich beide dafür gerade zu stehen.)
   Kleines Detail zum Schluss: Don Siegel, quasi die Hebamme von Alan Smithee meinte dereinstens zu diesem Thema: "When I refused to take directing credit for the film "Death of a Gunfighter", as did Bob Totten, the Directors' Guild made up a pseudonym for Totten and myself, 'Alan Smithee'. As the picture was well received, I told my young friends who wanted to be directors to change their name to Smithee and take credit for direction of the picture. I don't know if anyone did this ... " (Quelle: A Siegel Film, London: Faber and Faber, 1993)

   Nachdem sich Hollywood so über Jahr­zehnte hinweg bequem über zahlreiche peinliche Filmsupergaus hinweg schwin­deln konnte war aber dann spätestens 2002 endgültig die Luft raus. (Alan Smithee bekam vor allem in den ersten Jahren nach "Death of a Gunfighter" durchwegs gute Kritiken wie etwa von der New York Times: "Sharply directed by Smithee who has an adroit facility for scanning faces and extracting sharp background detail!" oder Variety: "Smithee's direction keeps the action taut and he draws convincing portrayals from the supporting cast". Dürfte sich also außerhalb Hollywoods noch nicht wirklich rum gesprochen haben, dass es den Herren Smithee gar nicht gibt.) 2002 wurde Alan Smithee aber endgültig begraben. Kurz nach dem Walter-Hill-"Supernova"-Disaster erschien der Film "Who is Alan Smithee?" der dem Mythos Alan Smithee ohne Rücksicht auf Verluste  auf den Pelz rückt und schonungslos die Wahrheit über den Ausnahmereschissör zu Tage fördert. Cameo-Auftritte von Hollywoods Finest inklusive (zu sehen sind unter anderem Oliver Stone, Brian  De Palma, James Cameron, Drew Berrymore, Edward Norton, Tim Robbins, Robert Altman, Steven Spielberg, Clint Eastwood und  sogar der große Alfred Hitchcock! Hamma wieder was gelernt. Herzlichen Dank für ihre Aufmerksamkeit. W-Bär





Links:
IMDB

Flickography:
(1969) Death of a Gunfighter
(1970) Love Story
(1984) Children of the Corn
(1987) Riviera
(1990) Q&A
(1990) Catchfire
(1992) The Nutt House
(1994) E.R. (TV)
(1998) Wild Things
(1998) Dawson's Creek (TV) ...

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