Was zum Geier ist Dogma '05?
Kristian & Oleg, 10.11.2003
Def. "Dogma 95" ist eine Bewegung eines Kollektivs von Filmemachern, die im Früh­ling 1995 in Kopenhagen mit dem entschlossenen Ziel bestimmten Ent­wick­lungen im heutigen Kino entgegenzuwirken, gegründet wurde.

   1960 war es endgültig soweit: Der ordinäre Kinofilm war tot und lechzte nach Auferstehung. Der gute Wille wäre ja da gewesen, aber die Mittel waren es leider nicht. Die darauf folgende Strö­mung erwies sich eher als leises Plät­schern und verlief leise im Sand. Mit Slogans von Individualität und Freiheit wurden zwar ein paar nette Werke ge­schaffen, geändert hat sich aber nix. Die Strömung selbst war nie stärker, als die Filmemacher, die dahinter standen. Das anti-bürgerliche Kino wurde bürgerlich, weil das Fundament auf dem seine Ideen ruhten eine bürgerliche Sicht der Kunst war. Es war von Anfang an ein Konzept der bürgerlichen Romantik und somit nach Meinung der Dogma 95-Initiatoren ... Schrott! In der Dogma-Bewegung hat Individualität nämlich nix verloren.

Demokratisierung des Kinos

   Heute wütet ein technologischer Sturm, der dem Kino theoretisch zur ultimativen Demokratisierung verhelfen könnte. Zum aller ersten Mal in der Geschichte des Kinos kann jeder dahergelaufene Wastl seinen eigenen Film drehen. Und je zugänglicher die Medien werden, desto wichtiger wird die Avantgarde. Es ist wohl kein Zufall, dass der Begriff "Avantgarde" militärische Ursprünge hat. Die "dogma­tische" Antwort hierauf kann nur Disziplin lauten. Filme müssen quasi in Uniformen gesteckt werden, weil der Individual-Film in seiner Definition dekadent ist.

Die "Vow Of Chastity"

   Die "Dogma 95"-Bewegung richtet sich nun gegen diesen dekadenten, verteufelten Individualfilm, indem sie sich strikt an bestimmte Regeln hält, die in der "Vov of Chastity" schriftlich von den beiden selbsternannten Regie-Kapazundern Lars von Trier & Thomas Vinterberg festgelegt wurden. Die gelangweilten Dänen hatten es nämlich endgültig dicke! Glaubt man den Herren, dann wird das heutige Kino mit illusorischen Mitteln (Spezial-Effekte und massig digitale Post Production) zu Tode kosmetisiert und sein Publikum regelrecht verarscht. Die neuen Technologien vernichten den letzten Funken Wahrheit und kreieren eine Illusion, hinter der sich der Film bequem verstecken kann. Mittlerweile sind zehn Jahre vergangen. Was großkotzig angepriesen wurde hat sich mittlerweile auch schon wieder so gut wie erledigt.
   Nach einigen respektablen internationalen Erfolgen ("Das Fest" von Thomas Vinterberg und "Die Idioten" von Lars von Trier), die zumindest dafür sorgten, dass die Dogma-Bewegung in aller Munde war, schlich sich schön langsam das große Gähnen ein. Das Publikum wurde müde. Was am Anfang in seiner Daherkommung noch revolutionär anmutete, wurde mit der Zeit immer langweiliger. Es kamen keine neuen Impulse und die Filmemacher wiederholten sich. Natürlich gibt es nach wie vor weltweit Filmemacher, die sich immer noch der "Dogma 95"- Bewegung ver­schrieben haben, die große Zeit des Dogma-Kinos war allerdings ebenso schnell wieder vorüber wie sie begonnen hatte.

Neue Impulse

   Doch das letzte Wort ist noch nicht gesprochen. Eine Handvoll junger, aufstrebender Filmemacher, die bereits mit ihrem ersten Kurzfilm für  Aufsehen sorgten, ist gerade dabei der abgenudelten Dogma-Bewegung neue Impulse zu versetzen. Ihr erst kürzlich fertig gestellter Film "Bloody French - Blutgericht in Maria Taferl" ist eine konsequente Weiterentwicklung der "Dogma 95"-These. Der Film ist eine explosive Mischung aus Dogma-Stegreif- und Splattermovie, die ihresgleichen sucht. Mit minimalen Mitteln (absolut kein Budget), nur zwei Hand­kameras und einer halbvollen Ketchupflasche schufen sie ein Werk, dass sich selbst vor aktuelleren Blockbustern wie "Matrix Reloaded" bzw. "Revolutions" und "Termi­nator III" nicht zu verstecken  braucht. Was die Wachowskis mit hunderten Compu­tern, Millionen von Dollarn, und zig Kameras schufen, schafften die jungen Talente mit minimalsten Mitteln, intelligenter Kameraführung und ein klein wenig Raffinesse im Schneideraum.

Das Bekenntnis zur Verderbtheit

   Doch der Schein der Spontaneität trügt. Die lockere, ungezwungene Stimmung, die dieses kleine filmische Meisterwerk versprüht, ist kein Zufall. Wie damals vor zehn Jahren setzten sich zwei Jungspunde zusammen und schrieben eine Reihe von fixen Regeln nieder, an die sie sich konsequent hielten. Ausgehend von den Richtlinien der "Dogma 95"-Bewegung wurden einige Absätze ins Gegenteil gekehrt, einiges wurde leicht verändert und manches wurde überhaupt ganz verworfen. Das Ergebnis sind zehn unumstößliche Regeln, bekannt als das Bekenntnis zur Verderbtheit.

"Ich verpflichte mich hiermit mich an die Dogma 03-Regeln zu halten und keinen Schindluder damit zu treiben.

1. Die Dreharbeiten müssen vor Ort durchgeführt werden; Kulissen dürfen zum Saufüttern verwendet werden (sollten bestimmte Requisiten benötigt werden, müssen sie dorthin gebracht werden wo gedreht wird).

2. Der Ton muss auf jeden Fall nachbearbeitet werden. (Musik sollte, wenn möglich grundsätzlich erst bei der Nachvertonung hinzugefügt werden.)

3. Die Kamera sollte von Hand geführt werden. Jegliche Bewegung ist erlaubt. (Der Film hat sich nicht nach der Kamera zu richten, sondern die Kamera nach dem Film.)

4. Der Film hat in Farbe zu sein. (sollten einzelne Szenen des Films jedoch aus dramaturgischen Überlegungen ein S/W-Thema benötigen, ist auch dies in Ausnahmefällen möglich). Auch Spezialbeleuchtung ist erlaubt. Wenn zu wenig Licht vorhanden ist, kann die Szene entweder geschnitten werden oder es werden zusätzliche, Spots verwendet).

5. Optische Filter und Beihilfen (wie z.B. Weitwinkelobjektive) sind sehr hilfreich und erlaubt.

6. Der Film kann/darf/muss oberflächliche Action und Gewalt beinhalten (Zutaten wie Mord, Totschlag, Kunstblut, Waffen etc. sollten unbedingt vorkommen.)

7. Zeitliche und geografische Verfremdung ist manchmal unerlässlich. (dies wird angewandt um eine zeitliche und örtliche Festlegung der Geschichte zu vermeiden.)

8. Genre-Filme sind herzlich willkommen.

9. Das Film-Format ist wurscht (vorzugsweise digital, 8mm, 16mm oder 35mm Film)

10. Der Regisseur und seine Mitarbeiter müssen im Vor- bzw. Abspann explizit genannt werden.

Desweiteren verpflichte ich mich als Filmemacher, mich voll und ganz auf meinen persönlichen Geschmack zu verlassen. Ich sehe mich als Künstler. Ich verpflichte mich dahingehend keine "ordinären Arbeiten" abzuliefern, da ich jedem einzelnen Augenblick ebenso viel Beachtung schenke, wie dem Film als Ganzes. Mein oberstes Ziel ist es das Beste aus meinen Charaktären und Schauplätzen herauszuholen. Ich schwöre hiermit mich an diese Vorgaben zu halten; auch auf Kosten des guten Geschmacks und jeglicher ästethischer Überlegungen. Somit bekenne ich mich zur Verderbtheit."

Wien, Donnerstag 5. November 2003 im Namen der Verderbtheit/Dogma '03

Kristian von Snayder, Oleg Veber






Links:
Dogma 95
Vinterberg's Das Fest
Von Trier's Die Idioten
Bloody French

Dogmagraphy:
(1998) Das Fest
(1998) Idioten
(1999) Mifune
(2000) The King Is Alive
(1998) Itialienisch für Anfänger
(2001) Reunion
(2002) Open Hearts

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