Wer zum Geier ist Rick James?
Markus, 5.5.2008
    Vor vielen Jahren, muss in etwa Beginn der Oberstufen-Zeit gewesen sein, hatten der Hr. W., der Hr. A. und meiner einer fol­gen­den kleinen Brauch: jedes Mal wenn je­mand von uns Dreien Geburtstag hatte, be­glück­ten ihn die zwei anderen mit einem möglichst unnötigen, wenn geht graus­lich­en, in jedem Fall schiarchen Geschenk, um auf diese Weise unsere tief empfundene Zuneigung zum Ausdruck zu bringen. Buben sind halt so. Den Ursprung hatte der ganze Wirsing als eines Tages der A. und ich einen Plattenladen unseres Vertrauens auf­such­ten, um unser mühsam Erspartes in CDs bzw. Platten (Ja, die gab`s damals noch!) zu investieren. Beim Wühlen in staubigen Kisten mit billigen Sonderangeboten, man hatte damals als Jugendlicher nicht allzu viel Geld, stießen wir auf ein Cover von ausgesuchter Hässlichkeit. Es zeigte nichts anderes als einen uns nicht bekannten Vollproleten in unpackbar roten Nuttenstiefeln. Es waren welche von der Sorte, die dir zurufen: „Hey, mich ziehen nicht einmal toupierte Hairspray-Rocker über den aufgedunsenen Alko-Fuß!“ Dazu trug der Mann den verwegensten Haarschnitt seit Anton Polsters Glitzermatte und einen schmal gebürsteten Strizzi-Moustache, der einen schlagartig um Gnade winseln ließ. Ganz hingerissen und hergezaht wussten wir im selben Moment: dieses schlicht „Street Songs“ betitelte, scharfe Teil muss man einfach haben. Flugs die dafür erforderlichen 50 Schilling abgedrückt und in einmütiger Selbstlosigkeit beschlossen, es dem lieben W. zum Geschenk zu machen. Sollte die Musik nur halb so gelungen wie das Artwork sein, würde er, der angehende Musikant, die Scheibe besonders zu schätzen wissen! Ach ja, der Typ von der Außenhülle hieß Rick James und W. schwor angesichts dieses liebevollen Präsents Rache...

   Wovon wir weiland überhaupt keinen Tau hatten: Rick James war Ende der Siebziger/Anfang der Achtziger der lukrativste Act des berühmten Detroiter Black Music-Labels Motown und gilt in den USA, v.a. aufgrund seines verhaltensauffälligen Lebenswandels, als absolute Kultfigur der schwarzen Musikszene. Gut, dass die auf der Platte befindliche Single „Superfreak“ haargenau wie MC Hammer`s „U Can`t Touch This“ tönt, hätte uns natürlich stutzig machen können. Denn dieser bereits ´81 veröffentlichte Song war tatsächlich die Vorlage zu des Hammer`s erstem Hit. Geboren 1948 in Buffalo/N.Y. als drittes von 8 Kindern floh Rick James im Alter von 16 Jahren vor den Schergen der Marine nach Kanada, nachdem er das Wochenend­training der US. Naval Reserve zugunsten des Musizierens mehrmals gespritzt hatte. Bald danach gründete er seine erste Band namens The Mynah Birds. In dieser geigelte übrigens ein Zeiterl ein gewisser Neil Young. Wieder zurück in den U.S. of A. bewarben sich die Mynah Birds 1966 bei Motown Records, um ein Album aufzu­nehmen. Ihr windiger Manager zog es jedoch vor, mit dem Produk­tions­vor­schuss des Labels stiften zu gehen. Woraufhin die Mynah Birds selbigen umgehend feuerten. Der wiederum auch nicht faul, schwärzte den Hrn. James wegen seines unerlaubten Fernbleibens vom Marine-Training an. Motown verlangte daraufhin von James, sich den Behörden zu stellen und die Mynah Birds waren für`s erste Geschichte. Nach einem zweiten erfolglosen Versuch unter dem Namen Mynah Birds, zog es den jungen Rick 1969 nach Kalifornien. Dort gründete er die Truppe Salt, Pepper N' Cocaine. Der Name ein erster Verweis auf seine Vorliebe für weißes Pulver aus Kolumbien. Aber auch diese Band kam nie über ein paar Festival-Auftritte hinaus. Weitere erfolglose Bandversuche vergingen, bevor Ende `72 die Formation Stone City Band aus der Taufe gehoben wurde. Die Stone City Band wollte zunächst ebenso nicht richtig aus dem Saft kommen, bis Rick James 1977 als Songwriter und Produzent in den Schoß von Motown zurückkehrte.

   Nach diversen Auftragsjobs formierte er die Stone City Band neu, um sein funkiges Debüt „Come Get It!“ einzuspielen. Die Single „You and I“ brachte ihm den lang ersehnten Chart-Durchbruch. '79 schleu­derte der eingefleischte Nasenbär gleich zwei Alben auf den Markt, nämlich „Bus­tin` Out of L7“ und „Fire It Up“. Vor allem Letzteres sollte sich recht amt­lich ver­kauf­en. Nach dem nur mäßig erfolg­reich­en „Garden of Love“ veröffentlichte er 1981 sein Opus Magnum „Street Songs“. Mit bis zum gegelten Haaransatz durchgestylter Funk-Disco („Superfreak“) sowie schwülstig glitzernden Schmachtfetzen („Fire And Desire“) und einer optischen Daherkommung, die nicht zuletzt dem blutjungen Prince den Weg zu schrillem Hooker-Outfit weisen sollte, katapultierte ihn dieses Album endgültig in den R&B - Superstarhimmel. Allerdings, illegalen Substanzen bekanntlich schon vorher alles andere als abhold gewesen, lief das mit dem Drogenkonsum spätestens ab diesem Zeitpunkt ein wenig aus dem Ruder. Die 80er aufgrund eines vom Kokain immer aufgeblähteren Egos nur mehr zum Teil mitbekommend und auch sonst schon ziemlich gaga, konnte er sich mit weiteren Tanzflächen-Schlagern wie „Glow“ oder „Cold Blooded“ noch einige Jährchen halten, durfte sogar mal in einer Folge der allseits beliebten Vorabendserie „A-Team“ mitwirken. Zu jener Zeit war der gold­be­zahn­te Miniplimann natürlich auch ziemlich dick mit diversen Showgrößen, wie z.B. Eddie Murphy und dessen Bruder Charlie. Eine wechselvolle Freundschaft, die sogar einen hierzulande völlig unbekannten Eddie Murphy-Singlehit (!) namens „Party All The Time“ zur Folge hatte.

   Bezüglich „Rick James und die Murphy Brüder“ sei übrigens allen Lesern die 4.Folge/2.Staffel der Chappelle-Show (Anm.: lief mal des nächtens auf MTV) ans Herz gelegt. In jener erzählt Charlie Murphy ein paar Schnurren zum Thema „Party in den 80ern mit Rick James“, während Chappelle in dazu nachgestellten Szenen eine James-Parodie vom Stapel reißt, die es einem schwer macht, sich nicht vor Lachen in die Hose zu pischen. Besonders spooky: die zwischen die Sketche geschnittenen Kommentare des schon ziemlich abgewrackt in einem Sessel rumlurchenden echten Rick James. Die legen nämlich den Schluss nahe, dass sich alles was Dave Chappelle und Charlie Murphy hier launig darbieten auch wirklich so zugetragen haben dürfte. In dieser Phase seines Lebens dürfte das mit Selbstüberschätzung und schwach­sinnigem Gebaren, wie z.B. aus Spaß an der Freude unmotiviert Leute ab­zu­watschen, jedenfalls noch recht unter­halt­sam gewesen sein. Nach MC Ham­mer`s Remake von „Superfreak“ wurde es ab den Neunzigern aber langsam un­lustig und musikalisch still um Rick James. Der ungebrochen an­hal­tende Kon­sum von Kokain in allen handels­üblichen Darreichungsformen hatte dem inoffiziellen Erfinder der hoch­glanz­polierten Blingbling-Ballade endgültig die Rübe zugepulvert. Paranoia und Wahnvorstellungen befeuerten immer kürzer getaktete Auszucker und daraus resultierenden Verhaftungen. An den Gitterstäben der Gefängnisse aufgrund diverser Gewaltdelikte daher lange Zeit knapp entlang ratternd, wurde er 1993 für die Entführung einer Musikmanagerin schließlich tatsächlich verknackt. Dabei hatte er sogar ziemliches Glück, denn die ebenso zur Verhandlung stehende Anklage wegen Misshandlung wurde fallen gelassen.
   Nach seiner Haftentlassung wollte er`s dann noch mal wissen. Ein Schlaganfall während eines Konzerts beendete jedoch 1997 seinen letzten musikalischen Comebackversuch. Von dieser Erkrankung konnte er sich zwar einigermaßen erholen, eine weitere Rückkehr auf die musikalische Showbühne ging sich jedoch nicht mehr aus. Blieben verschiedenste popkulturelle Zitate seiner Person an unterschiedlichen Stellen. Sein gezeichnetes Alter Ego krakeelte sich z.B. durch ein Halloween Special der Simpsons, er selbst wirkte bezeichnender Weise in einer Episode von „The Surreal Life“ mit, die Rockband Cake widmete ihm gleich ein ganzes Lied, Busta Rhymes borgte sich Samples alter Rick James-Hadern für das Album „The Big Bang“, das Video-Spiel „GTA“ wurde mit seinen Songs verhübscht und MTV produzierte eine heute legendäre Episode von „Behind The Music“ über sein Leben. Im August 2004 starb Rick James an den Spätfolgen seines jahrzehntelangen Drogenmissbrauchs. mk





Rick James:
1.2.1948 - 6.8.2004

Links:
Allmusic.com
Wikipedia
Video: Chappelle's Show
Video: Party all the Time

Discography:
(1978) Come Get It!
(1979) Bustin' Out of L Seven
(1979) Fire It Up
(1980) Garden of Love
(1981) Street Songs (live)
(1982) Throwin' Down
(1983) Cold Blooded
(1985) Glow
(1986) The Flag
(1988) Wonderful
(1989) Kickin'
(1997) Urban Rapsody
(2005) Rick James Forever

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