Was zum Geier ist Rock of Love?
Markus, 10.3.2008
   Seit sich die Sendergruppe MTV / VH1 (US) von ihrem ehe­ma­li­gen Kern­geschäft des Video-Ab­spiel­ens verabschiedet und zum Fließ­bandproduzenten von Re­ali­ty-Formaten gewandelt hat, scheucht es ja quasi wöchentlich ein neues Dating-Singled-Out-­Wer-­bekommt-­den-­Super­star-­Dings über den Bildschirm. Hier den Überblick bewahren beschert die sprichwörtlich harte Zeit. Will auch niemand, da solche „How low can you go?“-Formate, ähnlich dem verschlagenen Wind, unangenehmen Schmerz tief unten im Gedärm verursachen. Für einge­fleisch­te Fremdschämer wie uns sowieso nur im Zustand fortgeschrittener Alkoholisierung aushaltbar. Obwohl MTV-Europe, der US-Mutter kaum nach­stehend, mittlerweile ebenso zu ca. 98%  aus solchen (zugekauften) Shows bestehen dürfte, gibt`s überm Teich noch einen Haufen weiterer derart kalibrierter Sendungen. Erschreckend, trotzdem wahr. Ein aktueller Auswurf dieses televisionären Sittenverfalls: „Rock of Love“. Nichts anderes als das Rock-Spin-off des bei uns bekannten “Flavour of Love”. Eh schon wissen: Flavor Flav, vormals lustiger Plastikküchenuhr-Rapper bei den korrekten Public Enemy, jetzt intelligenzbefreiter, tattriger Stelzbock, um dessen Gunst 20 Folgen lang ebenso viele Pupperln tanzen, weil der schon urtraurig ist vom ständigen Alleinsein und ganz viel Arg. Mit dem nach gefühlten 30 Staffeln ewig gleichen Ergebnis, dass er zum Schluss immer den Brigitte Nielsen in die Kiste zieht. Burps, da hebt`s uns den Erstkommunionskakao in den Mundraum. „Rock of Love“ dasselbe in Platinblond, nämlich Bret Michaels. Das der LL-Bezug, weil er unser Lieblingskussmund per se, besser bekannt als Fronttunte und Bandleader der 80ies-FCKW-Rocker Poison. Der Grund also, warum man in „Rock of Love“ mittels Internetz hineingelugt hat. Und bist du, war und ist das übel! Ohne jetzt mit der Sexismus-Keule wacheln zu wollen, aber dieser White Trash-Auflauf angeneral­sanierten Rock-Chicks sucht echt seinesgleichen. Grauslich... Ja eh nicht weiter überraschend, stimmt. Eherner Grundsatz jener Formate: immer die Besten ihres Jahrgangs in den High End-Container treiben und flugs versenkt sich das Niveau mit Beginn der ersten Sendeminute entnervt im Hugh Hefner-Gedächtnis-Jacuzzi. Muss so sein, wissen wir. Trotzdem lässt einen die Frage nicht los: Sind die jetzt wirklich alle dermaßen fetzblöd oder wurden sie darin unterwiesen. Als notorische Opti­mis­ten tippen wir auf Zweiteres. Untermauert wird diese Annahme durch die Tatsache, dass sich hier über die letzten Jahre scheinbar ein fixer Cast an Damen formiert hat, der von einer Reality-Show zur nächsten tingeln dürfte.
   In der aktuellen Staffel von „Rock of Love“ (Season II) finden sich nämlich zumindest fünf Bewerberinnen, die erwiesener Maßen schon an ganz anderer Stelle (z.B. „The Beauty and the Geek“ oder „A Shot of Love with Tila Tequila“) ihr Talent als kampf­blondierte Dumpfbacken zur Schau stellen durften.
   Wie auch immer, man kennt den Schmäh seit Endemol`s „Big Brother“: jede Episode bekommt nach drei, vier halblustigen Maturareise-Bewerben, wie z.B. das Bier im Kopfstand von der gegenüberliegenden Gebindeseite aussaufen, das Popschi im Tonstudio als Bassdrum zur Verfügung stellen oder ein frisch gesuhltes Schweindl am Pürzel einfangen, die Verliererin den Weisel, die Gewinnerin ein Date mit dem Objekt der Begierde. Selbstverständlich inklusive Zungenbussi und ein bisserl Reibreibi. Dazwischen angebliche Besäufnisse, Speiberein, Bad Hair Days und Cat-Fights in wechselnder Abfolge und mittendrin ein darob voll besorgt und hündisch dreinblickender Mr. Star, der sie ja alle urlieb hat und eigentlich jede von ihnen mit nach Hause nehmen tätat. Schnarch... Für den Hrn. Michaels hat es sich jedenfalls gerechnet, war doch die erste „Rock of Love“-Staffel (Season I) in den USA die erfolgreichste VH-1-Produktion seit vielen Jahren.
   Das wiederum ganz und gar nicht blöd, weil dadurch gewaltige Synergieeffekte erzeugt werden. Im Sog des daraus resultierenden Hype und den somit obli­ga­torischen Late Night Show-Auftritten bei spaßigen Quoten-Kaisern wie Conan O´Brien oder Jay Leno,  wird der Platten- und Konzertticketverkauf naturgemäß kräftig angeschoben.

Rock of Love: Season II

   Das vor kurzem vom Stapel gelassene „Rock of Love Season II“ soll zwar gerade ein wengerl schwächeln, aber was muschelt`s. Ist halt eine schnelllebige Zeit. Der Grund warum man als Zuseher nicht schon nach dem Pilot wundstarkrampf-gebeutelt das Handtuch geworfen hat? Nun neben dem Haarteil vom Hrn. Michaels, eine gewisse Ms. Jes Rickleff. Der einzige mit Grandezza versehene Eyecatcher im üblichen Haufen ledertaschrigen Plastiks. Und, wir kriegen uns gleich gar nicht mehr ein vor lauter „Dashättichmaabernichtdenkt!“: sie war zum glücklichen Schluss tatsächlich die Auser­wählte unseres Hrn. „Breitbandbandana an Echthaartoupeé“! Und nochmals schnarch... Kurz hätten wir sogar überlegt die reizende Ms. Rickleff aus diesem Anlass in den Rang einer Loungette zu erheben, aber das geht sich dann doch nicht ganz aus. Warten wir lieber mal ab, was die entzückende Bardame aus Naperville, Illinois mit ihrer neugewonnen Prominenz noch anstellt. Eine Menge schau­spiel­er­isches Talent ist zweifelsohne vorhanden. Denn dieser intime Moment, als im Zuge des finalen Dates der gute Bret mit dem Mut der Verzweiflung gegen den drohenden Insulin-Schock ankämpfte (Anm.: der Ärmste ist seit früher Kindheit zuckerkrank) und sie ihm dabei mit ängstlich verheultem, trotzdem unheimlich tapferen Gesichts­ausdruck zärtlich das Handerl kraulte, das war ganz großes, melo­dra­ma­tisch­es Kino. Und um nix anderes handelt es sich bekanntermaßen bei Reality-Shows: bis ins kleinste Detail durchchoreographierte Seifenopern in billiger Fernseh­theater-Kulisse, die aufgrund des sehr überschaubaren finanziellen Aufwands eine recht hübsche Gewinnspanne ausweisen. Wieder was gelernt, herzlichen Dank für die Auf­merk­samkeit! mk





Links:
VH1: Rock of Love
Bret Michaels
Poison
Jes Rickleff
IMDB

Rock of Love:
(2007) Rock of Love
(2008) Rock of Love II
(2009) Rock of Love Bus

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