Was zum Geier ist der Wilhelm Scream?
W-Bär, 20.8.2007
      1951 durfte Gary Cooper in dem West­ler „Distant Drums“ (Regie: Raoul Walsh) eine Gruppe Soldaten durch ein gar be­droh­liches Sumpfgebiet führen. Schließ­lich konnte man als recht­schaffenes Weiß­brot nicht tatenlos mitans­ehen, wie eine Bande durch­ge­knallter Rothäuter eine Gruppe Siedler auf Gut dünken terrorisierte. Nein, so ging's ja nun auch wieder nicht. Häuptling Zahnlose Feder musste in die Schranken gewiesen wer­den. Blöd nur, dass im Gatsch (ergo Sumpf) auch ein fieses Krokodil hauste und einen der Soldaten kurzerhand zum Jausenbrot deklarierte.
   Nun will es die Legende so, dass besagter Soldatentod zwar heldenhaft dargeboten wurde, der zuständige Schauspieler allerdings kein Kapazunder in Sachen Todes­schrei war. Also mussten die Herren von der Postproduction emsig nachhelfen und ein findiger Sounddesigner nahm zu diesem Behufe in seiner so schon spärlichen Freizeit einen Schrei auf, der in die Filmgeschichte eingehen sollte. Das akustische Schnipsel wurde in den darauf folgenden Jahren noch ab und zu wiederverwendet (u.a. 1953 in "The Charge at Feather River"), verschwand aber schon bald in der Soundbibliothek von Warner Brothers wo es jahrzehntelang einsam vor sich hin­staubte.
   Anfang der 70er fiel einem gewitzten Special FX-Zampano namens Ben Burtt auf, dass da doch glatt ein und der selbe Schrei in einigen seiner Lieblingsflicks die Runde machte. Er begann zu recherchieren und wurde schon bald fündig. Burtt taufte das Soundschnipsel feierlich Wilhelm Scream (nach der Nase die 1953 in “The Charge at Feather River” von einem Pfeil getroffen wird und auch gar fürchterlich schreit) und heimste sich das Ding ein. Was sich schon bald als Glücksgriff herausstellen sollte, denn ein paar Jahre später läutete plötzlich das Telefon und niemand geringerer als George Lucas wollte wissen, ob Burtt nicht Lust hätte, seine intergalaktische Gute Nacht-Geschichte “Star Wars” Sound-FX-mäßig nachzuvertonen. Gesagt, getan. Und schon machte sich der Wilhelm Scream in den ersten drei “Star Wars”-Flicks breit. Burtt ging sogar so weit den Schrei zu seinem Markenzeichen zu machen. Was sich auch in allen drei “Indiana Jones”-Abenteuern, für die er soundeffekttechnisch ebenfalls zuständig war, detto bemerkbar machte.
   Und so kam es auch, dass der Wilhelm Scream in die legendäre Soundbibliothek von George Lucas' Skywalker Ranch wan­derte, wo er in den folgenden Jahrzehnten zum berühmtesten Schrei der Film­ge­schichte reifen sollte. Egal, ob ein Indianer vom Pferd geschossen wird (“The Com­mand”), ein Mann vom Krokodil gefressen wird (“Land of the Pharaohs”, “Distant Drum”), jemand von einer riesigen Ölpumpe plumpst (“Spoiler of the Plains”), Luke Skywalker einen Sturmtruppler nieder­knüppelt ("Star Wars"), ein Nazi aus einem fahrenden Auto geschubst wird ("Raiders of the Lost Ark"), ein Mr. Brown in seinem Auto erschossen wird ("Reservoir Dogs"), es einen Jungspund von seinem Skateboard prackt ("Accepted"), sich News-Teams gegenseitig eine aufs Geäuge klatschen ("Anchorman"), ein Matrose von einem übel gelaunten Brontosaurus gemeuchelt wird ("King Kong"), eine garstige Killerkrake angreift ("Pirates of the Caribbean") oder Adam Goldberg vom Bus überfahren wird ("The Salton Sea") – der Wilhelm Scream wusste in jedem Fall zu überzeugen.
   Selbst nachdem Ben Burtt sich zur Ruhe gesetzt hatte, wurde der alte Wilhelm fleißig weiterverwendet. Mittlerweile gehört es unter gestandenen Sounddesignern sogar schon zum guten Ton besagtes Soundschnipserl so oft wie möglich zu verwenden. Dass der Schrei noch lange nicht ausgedient hat, beweist allein die Tatsache, dass er auch im vergangenen Kinojahr wieder äußerst prominent vertreten war:  so war der gute alte Wilhelm unter anderem in "Over the Hedge", "16 Blocks", "Cars", "X-Men 3", "Norbit", "Flushed Away" und in Michael Bay's “Transformers” zu hören. Aber genug der schnöden Worte. Schließlich wollen wir euch hier nicht nur lahme Theorie kredenzen: so hört er sich an bzw. so schaut das dann aus: Video: Part 1, Video: Part 2, Video: Part 3.
  Ben Burtt hat übrigens jahrelang versucht herauszufinden, wer denn nun tatsächlich für den Schrei verantortlich ist. Seinen Recherchen zufolge, dürfte es sich bei dem Schauspieler und Sänger Sheb Wooley um den Übeltäter handeln. Wooley hatte 1958 mit “Purple People Eater” einen kleinen Hit von dem beeindruckende 3 Mio. Platten über den Ladentisch wanderten und war u.a. neben Gary Cooper in “High Noon” zu sehen. Aber nix genaues weiß man nicht ...
   Eine kleine Auswahl an Wilhelm Screams: The Wild Bunch • Howard the Duck • Reservoir Dogs • Poltergeist • Spaceballs • The 5th Element • Die Hard 3 • Batman Returns • Lethal Wapon 4 • Tomcats • Spiderman • Cradle 2 the Grave • Kill Bill: Vol. 1 • A Man Apart • Once Upon A Time In Mexico • Pirates of the Caribbean 2 • Hellboy • Anchorman • Sin City • Fantastic Four usw. ... Hamma wieder was gelernt, herzlichen Dank für die Aufmerksamkeit! W-Bär





Links:
Ben Burtt
Sheb Wooley
Wilhelm Scream Films
Video: Part 1
Video: Part 2
Video: Part 3

Screamography, Auszug:
(1951) Distant Drums
(1953) Charge at Feather River
(1977) Star Wars
(1981) Raiders of the Lost Ark
(1982) Poltergeist
(1986) Howard the Duck
(1987) Spaceballs
(1992) Batman Returns
(1997) The Fifth Element
(2002) The Salton Sea
(2006) 16 Blocks

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