Frau K am Arbeitsamt
Frau K, 17.08.2007
   Seit über einer Stunde warte ich jetzt bei 32° in einem unklimatisierten Raum, in dem sich Alkoholausdünstungen mit pe­ne­tran­tem Männerparfum vermischen, und es wird immer mehr zu einer Heraus­for­derung, den Brechreiz und die Hitze­wal­lungen zu unterdrücken. Womöglich hätte ich dieser Feldstudie durchaus po­sitives abgewinnen können, hätte ich gewusst, was hier auf mich zukommt. Dann hätte ich einen Themenausflug daraus gemacht, hätte mich mit pas­sen­dem Lesestoff versorgt, Der Prozess, oder Das Schloss, oder irgendein anderer Kafkaroman, den ich immer irgendwann weggelegt habe, weil er mir dann doch zu langweilig geworden ist. Jetzt wüsste ich die Ironie der Situation durchaus zu schätzen. Sicher hätte ich auch eine Wasserflasche mitgebracht und doch noch gefrühstückt, und müsste nicht darauf warten, dass mich ein Kreislaufkollaps niederstrecken wird. Süße Erlösung! Natürlich ärgere ich mich aber am meisten über mich selbst. Wie konnte ich auch so naiv sein und denken, weil ich eine Einladung zu einem Termin um 10.30 Uhr erhalten hatte, bliebe mir das alles erspart? „Natürlich müssen Sie genauso eine Nummer ziehen“, hatte die schlecht gefärbte Rothaarige mit den Riesenbrillen am Infoschalter zu mir gesagt. Blöde Kuh! Was heißt da natürlich? Wozu bekomme ich eine Einladung mit einer Uhrzeit, wenn ich dann hier stundenlang warten muss? Ah, ich verstehe! Psychologische Kriegsführung! Zermürbungstaktik! Erniedrigung! Für alle, die das nicht beim Wehrdienst erleben durften.
   Dann war der anscheinend schon öfter hier. Dr. House mit Stock, einem exzentrischen Federhut, einer Pilotensonnenbrille, einem knallgelben Hemd und einem mächtigen Türkisarmband macht gerade eigenartige Tanz – Yoga – Kungfu Übungen mitten im Raum und nickt dabei den sich langweilenden Wartenden selbstgefällig zu. Kein Scherz! So etwas könnte ich mir nicht einmal ausdenken,wenn ich mich wirklich anstrengen würde. Es sei denn, ich bin bereits so dehydriert, dass ich beginne, zu halluzinieren ... Und was, wenn er recht hat? Vielleicht macht es nur Sinn, Sinnlosigkeit mit Wahnsinn zu bekämpfen. Ich hoffe nur, er ersticht niemanden mit seinem Stock, oder er stolpert nicht über eines der zahllosen Kinder, die hier wie kleine Aufziehmännchen kreischend im Kreis herumlaufen.
   Dingdong! Die Nummernanzeige ist um eine Nummer weiter gesprungen. Eine große rote 585 blinkt mich schadenfroh an, und ich starre fassungslos auf die kleine graue 590 in meiner Hand. Noch vier Nummern, die vor mir drankommen. Das sind ja gute Aussichten, vor allem wenn man bedenkt, dass die letzten vier Leute nur ungefähr zwei Stunden in Anspruch genommen haben. Demnach würde ich dann so gegen zwei Uhr an der Reihe sein. Moment, da hab ich jetzt aber noch die Mittagspause vergessen, die sicher gleich angekündigt wird. Immerhin ist es schon 11.45 Uhr, und so etwas nimmt man hier sicher besonders genau. Huch, tatsächlich geht die Tür auf und eine Betreuerin schlapft heraus. Soviel Aufregung verkraftet hier nach stundenlangem Warten niemand mehr. Wie auf Kommando stürzen sich alle auf sie, bis sie umzingelt ist. „Neuanträge?“ Nervös beginnen alle mit ihren Zetteln zu winken. Die Hälfte der Leute hat ohnehin kein Wort von dem verstanden, was sie gesagt hat. Ich muss mich nach vorne kämpfen und schreien „Ja, ich!“ Eines ist klar, helfen wird einem hier niemand. Nur die Kämpfer kommen durch! Frau K









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House, M.D.
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