Auf Wiedersehen
Dave, 11.4.2006
   Ich habe hier, an dieser Stelle, auf dieser Homepage, zwei Geschichten plaziert. Im Zeitraum von einem Jahr. Es hätten schon mehrere sein sollen. Aber es sind bislang nur zwei geworden; die Zeit und so weiter. Man kennt die Ausreden.
   Nun, die zwei Geschichten sind zwei Nachrufe oder wie es besser klänge: Begleitschreiben zum Tod. Unfreiwillig und früher als ich es geplant hatte, muss ich hier den nächsten Abschied nieder­schreiben. Der Unterschied zu sonst liegt in der Nähe. Denn zuvor konnte ich von draußen schreiben, vom Hörensagen her. Über Personen, die mir, weil ich sie persönlich nicht kannte, nichts bedeuteten. Dieses Mal ist alles anders: Denn am Sonntag, 26. März 2006, ist ein Freund von dieser Welt geflohen: Wolfgang. Wolfgang Mayerhofer hat zum letzten Mal „Servaas“ gesagt. 31-jährig. In diesem Alter lebt man, da stirbt man nicht.
   Nun, es gibt viele Wolfgang-Geschichten. Alle die ihn kannten, haben ihre eigenen, ganz persönlichen Geschichten. Denn mit ihm ist ständig was passiert – Zitat vieler. Hier ist ein Ausschnitt aus meinen Begegnungen mit ihm, kleine Anekdoten, die ihn zu zeichnen versuchen. Winzig kleine Fenster, die uns einen kurzen Blick auf seine Person gewähren:
   Kennengelernt habe ich Wolfgang über eine Freundin. Das war 1991. Und irgend­wann in den Ferien des selben Jahres, es war glaube ich Juli, sah ich ihn zum ersten Mal. Längere Haare, Gitarrenkoffer in der Hand und ein lockerer Begrüßungstext auf den Lippen: „Ahja, leiwand, hab schon von dir gehört. D'ehre. Hast an Tschick?“ Irgendwann im Laufe des selben Tages begann er dann Witze zu erzählen. Einer schlechter als der andere. Aber er er­zähl­te und er­zähl­te. Und deshalb entwickelte sich, Jahre später, die folgende Ge­sprächs­reih­en­fol­ge, die eigentlich jedem seiner Witz voranging. Wolfgang: „Kennst den Witz schon?“ Ich: „Ja, kenn ich bereits.“ (oft gelogen) Und er: „Also pass auf.“
   Und der Witz ist erzählt worden. Da ist die Eisenbahn drüber gefahren. Jetzt, lieber Wolfgang, kannst du die verdammten Engel da oben quälen. Vielleicht erzählst du ja den mit den rosaroten Pingpongbällen oder den mit den Klosterschwestern. Dir wird schon was einfallen.
   Nun, im Herbst 1991 haben wir dann auch gemeinsam zu musizieren begonnen. In knapp eineinhalb Monaten versuchten wir 30 Lieder einzustudieren. Ich fragte ihn, ob das überhaupt möglich sei. Ich: „Wir sind alle Eier. Ahnungslose Eier. Des geht si nie aus.“ Wolfgang: „Des geht scho.“ Und irgendwie ging es auch. Eher schlecht. Aber es ging. Das schweißte zusammen. Die musikalische Partie löste sich dann irgendwann auf. Aber ein harter Kern – er darin – blieb. Und immerhin durfte ich sechs Jahre mit ihm in einer Band spielen. Und das war nicht immer ein Vergnügen. Oft fiedelte er irgendwas zusammen. Stundenlang.
   Wolfgang: „Ich habe da eine Nummer gehört. Irgend so ein Jazz-Wixer, aber ein guter Jazz-Wixer. Wie gefällt das?“ Ich: „Naja, im Original klingt das sicher nicht schlecht.“ Er: „Ah, was red i überhaupt mit einem Tenor mit baritonaler Färbung.“
   Und phasenweise war er einfach nur laut. Es war die Zeit, da er seinen eigenen Stil zu suchen hatte. Schließlich hat er den Weg dorthin gefunden. Noch nicht das Ziel. Dazu war die Zeit zu knapp.
   Aber wir waren wie fiebrig auf Musik. In den Jahren da Nirvana aufstieg, wo es eine Band namens Counting Crows gab, wo es Faith no More und Red Hot Chili Peppers gab, wo Crash Test Dummies noch nicht im Radio gebracht wurden – zumindest nicht in Österreich. Das war aufregend und man hatte unbedingt cool zu sein. Und Hauptsache gegen den Strom schwimmen.
   Der Kern der Band, Wolfgang, Peter Schober und ich, hing Stunden, Wochen und Monate in verschiedenen Proberäumen ab und wir haben unerbittlich unsere Instrumente malträtiert. Wir hatten irgendwann das Privileg in einem Studio gratis zwei, drei Nummern aufnehmen zu dürfen. Zuerst waren Schlagzeug und Bass beim Aufnehmen. Dann die Gitarre. Und Guitar-Mayerhofer hat eine Stunde am Verstärker herumgedreht und das geplante und einstudierte Solo probiert. Wieder und Wieder. Und dann sagte er: „Des klingt Scheiße.“ Stimmte auch. Aber es lag nicht an ihm, oder am Verstärker, sondern an seiner verstimmten h-Saite. Doch von der wollte er partout nichts wissen wissen. Warum auch immer. Denn er hat stur geglaubt, der Fehler läge an ihm und er wäre heute einfach nicht in Form. Für alle die ihn nicht kennen sei gesagt, dass er immerhin studierter Jazz-Gitarrist war.
  Aus jeder Faser seines Körpers drangen Noten. Er war ein richtiger Musik­fa­na­ti­ker. Vermutlich hat auch das Blut, das seinen Körper verließ an diesem ver­fluch­ten Sonntagmorgen, im Sechs-Achtel oder eher noch im Sieben-Achtel-Takt pulsiert, wohlwissend, dass Todesmärsche nie in diesen Taktierungen vor kommen.
   Ich war mit ihm einmal auf der Mühle. Eine früher einmal jährlich stattfindende Party in Oberösterreich, entlang eines idyllischen Baches gelegen. Die Feier dauerte knapp eine Woche. Die Leute dort waren allesamt um acht bis zehn Jahre älter als wir. Die meisten davon Musiker. Und da war einer, der wohl beste Gitarrist und Musiker den ich persönlich kenne, und der Wolfgang hat ihn belagert und befragt und befragt und „zeig mir das“ und „wie geht jenes“. Wie von kindlicher Neugier und Naivität gesteuert. Aber das schätzte man dort an ihm sehr. Die sonst Fremden eigentlich sehr verschlossene Partygesellschaft hat ihn voll und ganz, von der ersten Sekunde weg, aufgenommen. Nicht zuletzt deshalb, weil es dort ein paar gab, die ausschließlich Pernod tranken. Und das Getränk ging halt, wie es so ist, irgendwann einmal aus. Und als er das vernahm, da sagte er einfach: „Na dann holen wir halt frischen“, drehte sich zu mir, „kommst mit?“ Nun, die nächste Möglichkeit frischen Pernod zu kaufen gab es in Linz; eine Dreiviertelstunde entfernt.
   Distanzen waren im anscheinend prin­zi­pi­ell egal. Da kann ich mich erinnern an „Was hältst Du davon, wenn wir einfach auf einen Cafe nach Linz fahren?“ oder „In Bratislava kann man angeblich ur gut essen und billig ist es obendrein“ oder „In St. Pölten gibt es eine Kneipe die würde ich gerne sehen.“
   Auch in geographischer Entfernung aber guter Erinnerung ist mir fol­gen­de Ge­schich­te: wir waren in Griechenland, Kos. 1992. Maturafeier. Nach einer be­schwer­lich­en Anreise bezogen alle die Zimmer. Aus dem hintersten Zimmer dringt plötz­lich ein gellender Schrei. Zwei Kerle, der Oliver und der Wolfgang Berger, stürzten auf den Gang gefolgt von den Worten: „Da ist eine Spinne. Die ist riesig.“ Unser Wolfgang war noch gar nicht beim Zimmer sondern noch im Gang hinter mir. „Des homma glei“, sagte er, ging ganz gemütlich an den Angsthasen vorbei, schupfte im Gehen noch den rechten Schlapfen in seine rechte Hand und verschwand. Kurze Zeit später hörte man einen mächtigen Klatsch. Das Vieh war wirklich groß, wie sich am Blutfleck an der Wand zeigte.
   Und das Erlebnis, das vermutlich für den Wolfgang am typischsten ist: Er hat uns erklärt, ganz ernst bei einem Bier. Wer ein richtiger Kenner der Würstelstand-Szene sein möchte, der bestellt, eine Burenwurst, scharfen Senf, ein Bier und ein Brot mit nur einem einzigen Wort in Wien: „Amoi“ (1x). Das sogenannte „Ansa-Menü“.Der Würstler, so die Sage, würde dann gleich wissen worum es geht und eilig die Dinge herbei schaffen – in Ehrerbietung an den, der da so kundig und beredt eine Be­stel­lung ab­zu­geben weiß.
   Ich: „Das glaub ich nicht, Wolfgang. Des is a Gschichtl.“ Er: „Na pass auf.“ Gut, wir gingen dann zu einem Würstelstand. Es war schon spät. Zwei Mädels standen vor uns und hielten alles auf. Gurkerl hier, Cola da, Mayo dort und ein hartes Ei wäre auch nicht schlecht. Man kennt das. Es war an der Ecke Lerchenfelder-Tha­lia­straße/Gürtel. Die Stelle mit der höchsten Würstelstanddichte weltweit. Auf knapp 40 Quadratmeter teilen sich vier Imbißbuden ein Revier. So, dann kommt der Wolfgang endlich dran. Wolfgang, räuspert sich kurz: „Amoi.“ Er grinst zuversichtlich zu uns rüber, die wir in zwei Meter Entfernung standen. Der Würstler drauf: „Ja, bitte?“ Wolfgang, etwas lauter: „Amoi.“ Der Würstler: „Wos, amoi?“ Wolfgang: „Na, amoi.“ Der heilige Wurstbrater: „Du Wiaschtl, wennst ma ned glei sogst wos’d wüß´t, dann kriagst glei goa nix.“
   Und der Wolfgang hat ihm erklärt und erklärt, dass das doch die Bestellung für das Ansa-Menu sei und das müsse er doch wohl wissen; er, in seiner Position. Und der Würstler hat ihm erklärt und erklärt, dass er doch wohl schon seit 25 Jahren nix anderes macht als Würstel bei einem Wiener Würstelstand zu verkaufen und von „Amoi“ hat er noch nie was gehört. Und er hat schon viel gehört. Und überhaupt soll er endlich sagen was er wolle.
   Nun, die, die dabei waren – ich weiß nicht mehr genau wer – haben sich mit sichtlich zufriedener Miene angesehen. Aus sicherer Entfernung mit sicherem Schmunzeln. Es war seine Art solche Dinge heraufzubeschwören. Aber das sind die Geschichten, die mir nicht aus dem Kopf gehen. Es sind die Geschichten, die ich nie vergessen werde.

   Und Ihr, die Ihr das lest, habt sicher auch ganz viele Geschehnisse mit ihm gehabt. So wie ich noch viele in mir trage. Aber der Platz würde hier vielfach gesprengt werden, wenn ich alles darbringen würde. Und außerdem bin ich es leid, den Chronisten zu mimen. Ich lass mir einfach den größten Teil vom Wolfgang selbst erzählen. Das ist die Ankündigung; dass ich kommen werde; früher oder später. Keine Sorge lieber Wolfgang, denn für den Scheiß den Du da aufgeführt hast, werde ich Dir noch zwei pracken müssen; links wie rechts.
   Vergangenen Mittwoch habe ich einen Freund ein letztes Mal begleitet. Ich habe dort viel Traurigkeit gesehen. Ich habe die mit den wundgeweinten Augen gesehen. Ich habe die gesehen, die sich mit aller Kraft gegen die eigenen Tränen wehrten. Ich habe die Stummen gesehen. Ich habe die mit der Wut gesehen. Ich habe meinen Kummer gespürt, der sich schwer gegen den Brustkorb presste. Ich habe eine Mutter gesehen, die mit ganzer Kraft da stand und über hundert Beileidswünsche entgegennahm. Wieder und wieder. Ich sah sie alle Abschied nehmen. Und ich hätte auch gerne ein Lied auf der zum Grab mitgebrachten Gitarre gespielt und gesungen – Wish you were here – wie es Peter vorhatte, aber ich hätte keinen Ton herausgebracht. Verzeih mir.
Aber da war noch was. Ich habe sie über dich sprechen hören. Mit aller Sanftheit; wie Glasjongleure. Und mir wurde eines klar. Du warst ein echt leiwander Kerl. Einer, der immer für alle gleichermaßen da war. Einer, der immer zuhörte. Einer, der mir zeigte, wie man mit anderen Leuten umgeht. Wegen Dir möchte ich ein besserer Mensch werden; aus Respekt und im ständigen Andenken an dich. Als mein Versprechen. Aus dem Umstand heraus, dich gekannt und begleitet zu haben, für einen gewissen Intervall. dave





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In Memoriam Wolfi

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