Abenteuer eines Büroangestellten
W-Bär, 29.11.2004
   Unlängst, vor gar nicht allzu langer Zeit, als ich wieder einmal gelenkweich und hirntrüb vor meinem Arbeits-PC knotzte, läutete plötzlich das Telefon. Also quasi der Hauch des Todes, denn telefonieren gehört definitiv nicht zu meinen Lieblingsbeschäftigungen.
   Widerwillig, mit vor Ekel triefenden, schreckverzerrten Augen griff ich ver­stört, aber mit der Absicht mich meinen Dämonen zu stellen, zum Hörer und nahm den Anruf entgegen. Am anderen Ende der mir so verhassten Leitung meldete sich Jenny vom Kohlcenter. Ich hege ja immer noch die Vermutung, dass die junge Dame eigentlich im Call-Center arbeitet und nur ihrer unzulänglichen Englisch-Aussprache wegen glaubt im Meiselmarkt zu sitzen, aber wurscht. Nun, besagtes Jungkraut bat mich höflich eine Rufnummer zu überprüfen. Gesagt getan. Nachdem der Kaffebecher von mir noch einmal mit hingebungsvoller Sorgfalt vom Tisch gehoben wurde (ein Vorgang, bei dem der restliche Körper schlaff in den Sessel sackt, damit der Weg vom am Tisch stehenden Becher zum Mund nicht gar so weit ist und die Hebung des Armes ein wenig leichter von Statten geht) und dem restlichen Kaffee der Garaus gemacht wurde, griff ich kurz entschlossen zu meiner Maus und öffnete das Kundenprogramm. Mit engelhafter Geschmeidigkeit tippten mein Zeigefinger, mein Ringfinger und mein Mittelfinger in vollkommener Harmonie jene mir aufgetragene Rufnummer ein und mit einem rundum gelungenen Schnalzer auf die Enter-Taste eröffnete mein kleiner Finger den munteren Reigen. Und dann ging mir plötzlich der Reiß!
   Wie vom Blitz beim scheißen getroffen kroch mir plötzlich die Gänsehaut von der linken kleinen Zehe bis rauf zum Hirnwimmerl. Das war's also! Im Bruchteil einer Sekunde sah ich mein ganzes Leben im 49er vor meinem geistigen Auge noch einmal vorbeiziehen. Ich war mir sicher, dass sie gleich kommen würden um mich zu holen. Ich wusste zwar nicht wer sie waren, und ich war mir nicht ganz sicher, wie sie mich so schnell finden konnten, aber ich war mir sicher, dass sie kommen würden. Ungewiss, wie lange ich noch zu leben hatte, schaltete ich mein Telefon auf mute und holte tief Luft. Ich schloss die Augen und hoffte, dass das alles nicht wahr sei. Als ich die Augen wieder öffnete, musste ich allerdings erkennen, dass mich das Böse unleugnungsbar am Arsch hatte. Das Spiel war vorbei. Vor mir stand es schwarz auf weiß: Vertragsinhaber Osama Bin Laden, geb. in Traiskirchen. Die Rufnummer wurde am 19. November 2004 aktiviert. Und ich wusste davon! Nachdem ich mich wieder einigermaßen derrappelt hatte, entmutete ich mein Telefon und krächzte todesfürchtig in den Hörer, dass mit der Nummer alles in Ordnung sei.
   Doch so leicht wollte es mir das Schicksal nicht machen. Meine Kollegin vom Gemüsetandler meinte nun nämlich, dass sie gerade den Redak­tions­dienst von der Telekom Austria am Apparat hätte und dieser nun wissen wollte, ob er die Daten denn wirklich so ins Telefonbuch eintragen solle. Ein knappes "Nein, das halte ich für keine gute Idee!" überzeugte meine junge, unerfahrene Kollegin dem Redak­tions­dienst davon abzuraten.
   Inzwischen kämpfte ich mich, wieder Mut fassend, durch die restlichen Vertragsdaten. Als Bevollmächtigter und Haftender wurde ein gewisser George W. Bush angegeben. Interessant! Aber es sollte noch unglaublicher werden: hat doch tatsächlich eine weitere vermeintlich arg realitätsfremde Kollegin der Abteilung Fraud, folglich jener Abteilung die für Betrugsfälle aller Art zuständig ist, besagtem Teilnehmer das Kreditlimit herunter gesetzt. Heißt also: der Kunde - in diesem Fall Osama Bin Laden - wurde von der Betrugsabteilung vor etwas mehr als einer Woche persönlich überprüft und für wert befunden eine Nummer bei uns anzumelden. Die Tatsache, dass der große George W. Bush die Haftung übernommen hat, dürfte hier durchaus förderlich gewesen sein. Nur der Kreditrahmen wurde ihm ein wenig herabgesetzt. Beruhigend. Man will ja schließlich auch nicht, dass der Herr Bin Laden Schulden macht. Und angesichts dessen, dass sich der bärtige Ede vermutlich (hoffentlich) nicht in Österreich aufhält, dürften in nächster Zeit bei jener Rufnummer auch noch haufenweise Roaming-Gebühren anfallen. Da lacht des Netzbetreibers Herz und da tränt des Betrachters Auge, der von nun an mit der Tatsache leben muss, dass jederzeit die Herren vom FBI, CIA, CSI, NSA, oder wie auch immer sie heißen mögen, vor der Tür stehen können und auf eine Verhaftung aufgrund terroristischer Betätigung bestehen. Und dann werd ich sicher ganz grauslich gefoltert! Aber Hauptsache der Herr Bin Laden ist erreichbar. Und wenn er noch nicht gefangen genommen wurde, dann telefoniert er heute noch! Hochherzlichst, W-Bär





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