Godot's Untergang
Mariella, 3.3.2012
   Angefangen hat alles ja ganz harmlos, als ich mich, schon längere Zeit im Warte­raum eines hiesigen Allgemeinmediziners festsitzend, fragte, wer wohl die Letzt­ent­scheidung über diese ausgesprochen augenlähmende Inneneinrichtung hatte. Nachdem ich die Verdächtigen der Reihe nach durchgegangen war und meinte, den Hauptschuldigen (in dem Fall: die Hauptschuldige) identifiziert und auch mögliche Mittäterschaften der Reihe nach aufgelistet zu haben, langweilte ich mich wieder in den Warteraumalltag hinein. Monate später fiel mein Blick an einem verregneten Novembernachmittag auf den überquellenden Schirmständer desselben Wartezimmers, der mich dazu inspirierte, die anwesenden Mitpatienten der Reihe nach den nahezu alle Ge­schmacks­richtungen wiederspiegelnden Schirmvariationen zuzuordnen.
   Das war der harmlose Einstieg in eine unterschätzte Abhängigkeit, eine nicht abzusehende Sucht nach mehr! Immer spezifischer wurden die Aufgaben an die jeweiligen Situationen angepasst, immer ausgefeilter die Ideen, bis ich mich schließlich zur aktuellen Liste meiner Top 10 Wartezimmerspielchen hinauf­ex­perimentiert hatte (darunter ein Punkt, den ich gerne einmal ausprobieren würde, bisher aber noch nie den Mut hatte, den entsprechenden Anlassfall vorzutäuschen):

Das äußerst amüsante „Haut- oder Geschlechtskrankheit“-Spielchen:
Man begutachtet Mitinsassen wie auch Neuankömmlinge und stellt Vermutungen an, wegen welcher der beiden Kategorien sie sich wohl in diesem Wartezimmer herumdrücken – selbstverständlich ein Spiel für Hautarzt-Warteräume

„Held oder Memme“? (Zahnarzt)

„Der Lookalike-Sieger“:
vor Betreten des Wartezimmers legt man sich auf eine Person des öffentlichen Lebens fest (z.B. Billy Bob Thornton) und kürt dann unter den anwesenden Mitpatienten die Plätze 1-3 im selbigen Lookalike-Contest. Grundsätzlich in jeder Arztpraxis anwendbar, bei voraussichtlich längerer Wartezeit kann man auch mehrere Contestimonials vorbereiten. Für Spätfolgen und Traumata wird allerdings keine Haftung übernommen – so berichten Erzählungen über das 2003er Disaster einer Frau, die in einem Wiener Wartezimmer die Uwe Ochsenknecht-Kategorie gewinnt!

„Maul- oder Klauenseuche?“ (HNO)

„Heiteres Beruferaten“
Nicht solche Albernheiten wie Manager, Fleischhauer oder Putzfrau sind gefragt, sondern echte Gehirnakrobatik a la „Vogelscheuchen-Bekleidungsfachfrau“, „Vor­stands­vorsitz­ender-Stellvertreter der südamerikanischen Plattfuß­indianer­grup­pier­ung in Österreich“, „Tontaubenzüchter“,  „königliche Wimpern­zangen­beauf­tragte“etc, etc. Den Regeln zufolge gilt es, hier sowohl kombinationstechnisch (optische Gegeben­heiten müssen zum Beruf passen), als auch auf namensgebender Ebene (möglichst kreative Berufsbezeichnungen) Topplatzierungen anzustreben. Alle Arztpraxen.

Das immer wieder augenöffnende Ratespiel „Sproß oder Kuckucksei?“
Ziel des Spieles ist das Einschätzen der genetischen Möglichkeiten zwischen Kind und Eltern - grundsätzlich in allen Arztpraxen anwendbar, in denen beide Elternteile anwesend sind. Es wird an dieser Stelle allerdings vor Folgeschäden durch An­wendung im Freundes- und Bekanntenkreis gewarnt!

„Selbst- oder Fremdverschulden?“ (Lungenfacharzt)

„Wieviele Persönlichkeiten?“ (Psychiater)

„Maulwurf oder Habicht?“
früher vielleicht als „Kinderjause“ abgeschaselt, in Zeiten der flotten Kontaktlinse aber eine echte Herausforderung. Hartgesottene trauen sich sogar, die beurteilten Mitinsassen in ein banales Gespräch zu verwickeln, um so die erratene Dioptrien­stärke zu verifizieren bzw falsifizieren. Selbstverständlich beim Augenarzt-Aus­harren anzuwenden.

„Wenn diese Person eine Comicfigur wäre, wäre sie...“
Alle Arztpraxen. Klingt banal, hat aber wirklich Potential und was sich reimt ist bekanntlich sowieso immer gut. Dieses Spielchen hat schon für viele gute Alltags­ge­schich­ten gesorgt, so jene eines Yosemite Sams, der außerhalb der Arztpraxis gleich von zwei Personen als solcher wiedererkannt wurde.

   Selbstverständlich sind jene Spiele, die keinem Facharzt zugeordnet sind auch in allen anderen Wartesituationen anwendbar und dürfen unter Einhaltung der korrekten Quellenangaben frei verwendet werden. Die Autorin freut sich zudem über möglicherweise bis dato ungedachte Ideen und Vorschläge zur Erweiterung dieser Liste reizvoller Beschäftigungen. Wenn Sie dem nichts hinzuzufügen haben, so verlassen Sie diese Seite mit der Gewissheit, zukünftig öden Zeiten vergnüglich entgegenzusinnen. Bis demnächst in diesem Wartezimmer. Mariella








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