Große Wellen, kleine Boote
Frau K, 25.04.2005
   „Wie viele Wellen des Widerstreits ha­ben wir in den letzten Jahrzehnten ken­nen gelernt, wie viele ideologische Strö­mung­en, wie viele Denkweisen ... Das kleine Boot des Denkens vieler Christen ist nicht selten von diesen Wellen umher­ge­worfen worden.“ Also, das ist doch! Entschuldigung Herr Ratzinger, ich hab vielleicht kein abgeschlossenes Theo­lo­gie­studium, aber trotzdem glaub ich nicht, dass mein Boot kleiner ist als ihres. Mit welchem Recht behaupten Sie also, be­ur­tei­len zu können, was die Wahrheit ist. Ich kann und will mich an keiner wis­sen­schaft­lich philosophischen Diskussion über Relativismus und Individualismus beteiligen, aber so ein paar Überlegungen hätte ich zu dem Thema schon.
    Was beispielsweise ist bitte so erschreckend an der Vorstellung, dass jeder Mensch selbst nachdenken und sich seine eigene Meinung zu einem Thema bilden kann? Ein wenig sarkastisch und spitz ausgedrückt würde ich jetzt sagen, dass das natürlich nicht mit einem absolutistisch geführten diktatorischen System vereinbar ist, das seine Existenz gegenüber seinen Untertanen mit der angsteinflößenden Doktrin rechtfertigt, dass nur innerhalb dieses Systems Erlösung möglich sei. Kurz gesagt, der oben stehende Satz klingt in meinen Ohren ungefähr folgendermaßen: „Denkt's lieber nicht zu viel, das verwirrt euch eh nur, und verstehen tut's das alles auch nicht, weil's euch eh zu hoch is'. Wir sagen euch schon, wo's lang geht. Braucht's keine Angst haben, einfach Augen zu und wir führen euch.“
  Wie soll ich als Bürgerin eines demokratischen Staates, die den Generationen vor ihr dankbar sein muss, dass sie für eben jenes Privileg gekämpft haben, diese Botschaft anders interpretieren? Selbst wenn ich Herrn Ratzinger u.a. die besten Absichten unterstelle, und sie orientierungslosen Menschen wirklich nur eine Lebenshilfe anbieten wollen, bleibt diese Frage für mich dennoch sehr politisch. Und die Antwort finde ich dann auch, ohne dass es in meinem kleinen Boot allzu sehr wackelt.
Aber lassen wir mal den schnöden Mammon und die Politik beiseite. Auch eine interessante Aussage übrigens: „Alle Menschen wollen eine Spur hinterlassen, die bleibt. Aber was bleibt? Das Geld nicht. Auch die Gebäude bleiben nicht; die Bücher auch nicht.“ Na dann weg mit den alten Schinken und dem Gold und Marmor, und ab damit in die dritte Welt! Immer wieder erfrischend von jemandem zu hören, dass Geld keine Bedeutung hat, der genug davon hat. Vielleicht einigen wir uns ja dann doch darauf, dass den Finanzen im Vatikan eine gewisse Aufmerksamkeit zukommt. Ich finde das nicht einmal so verwerflich für einen eigenständigen Staat und den Hüter von zahlreichen Kulturgütern. Das sind eben keine einfachen Fragen, die man so leicht auf richtig oder falsch reduzieren könnte. Aber ganz ehrlich, welche Fragen sind das schon?
  Und das werfe ich der katholischen Kirche und ihrem neuen Papst sehr wohl vor, dass sie behauptet, sie könne bestimmen, was wahr sei und was nicht. Möglicher­weise irre ich mich ja, aber ich habe den Eindruck, dass die Probleme dort beginnen, wo eine/r behauptet, „die Wahrheit“ zu kennen. Was soll das überhaupt sein - „die Wahrheit“? Geht es nur darum, einfache Antworten zu liefern?
  Aber wo können einfache Antworten sein in einer so komplizierten Welt? Und die viel wichtigere Frage, sollen wir überhaupt einfache Antworten finden? Ich glaube, nein ich vertraue darauf, dass Gott einen Grund dafür hatte, die Wellen so groß und unsere Boote so klein zu machen. Und auch wenn das für eine (noch) Katholikin ein sehr radikaler, revolutionärer, ich möchte fast sagen ketzerischer Standpunkt sein mag, ich glaube nicht, dass er das Boot von Herrn Ratzinger aka Benedikt XVI. oder irgendeines anderen Gläubigen so viel größer gemacht hat als meines.
   Ich verstehe das so, dass Gott uns allen sehr wohl die Fähigkeit geschenkt hat, unseren eigenen Weg in den Hafen zu finden. Frau K










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