It's the hair-do, stupid!
Burt Viola, 3.3.2010
It's the hair-do, stupid! od. die 00er Jahre – gewaschen, geföhnt und gelegt

   Für all diejenigen die immer noch nicht in diesen hoffnungsschweren 10er Jahren angekommen sein sollten, sei´s Ihnen hier­mit ins Stammbuch und hinter die unge­waschenen Ohren geschrieben, ein Postulat welches für Fortschritt und Aufbruch steht: Eitelkeit ist die neue Bescheidenheit! Diesem neuen Diktum der Post-Postmoderne verschreibt sich natürlich auch die LL (man beachte auch den pfauenhaft-protzige Relaunch dieser HP) und betrachtet das vergangene Jahrzehnt so wie es sich gehört, hübsch oberflächlich und vollkommen frei von tieferer politschen Analyse, Argumentationslinien und Nachprüfbarkeit. Besehen wir die letzten Jahre durch die blitzblanken Scheiben von Kamm-in, Salon Scherentanz, Querschnitt und wie sie alle heißen mögen, durch die Augen unserer tapferen Kämpfer gegen Herrenmeschen und Dallas-Dauerwellen, der Zunft der Haarschneider und Ondoleure. Und da hat es sich tatsächlich wild abgespielt. Zum Einstieg sei hier gleich auf eine frühere Kolumne „Chice Haarfrisuren“ verwiesen, die in unübertrefflicherweise die US-Präsidentenwahlen vorhersagten, indem sie schlüssig und stringent auf die Bedeutung gewisser Haartrachten hinwies, und diese als verborgene Entscheidungträger entlarvte.
   Capilares Österreich: 2000 übernahm ein Mann mit dünnen Lippen und noch dünnerem Scheitel die politischen Geschicke Österreichs. Dieser stilistische Fauxpas war diesem großen Denker unserer Zeit natürlich bewusst (vorauf dieser natürlich unterirdisch zur Angelobung eilte um dieses schütere Stück Haar nicht auch noch den Angriffen von rohen Eiern und/ oder Paradeisern auszusetzen) und stellte sich aus diesem Grunde einen unschlagbaren Meister der Feschfrisur an seine Seite der bis heut seinesgleichen sucht, den K.H.G! Durch dieses unverschämt voluminöse, shamponierte, glänzende und föhnige Stück Haarteil drang auch nicht die kleinste Spur von Intelligenz, was uns wiederum beweist, wie weit uns dieser Gott des exaltierten Föhnwahnsinns voraus war, und die oben postulierte, nichtssagende Eitelkeit schon vor 10 Jahren stolz auf seinem Haupte trug.

   Seit 2008 prägt nun ein Politikerpaar die öffentliche Wahrnehmung die unterschiedlicher nicht sein könnte: Kanzler Faymann dessen Haarschnitt in seiner Unaufdringlichkeit und Unaufgeregtheit geradezu beunruhigend beruhigend wirkt, wären da nicht seinen hypnotisch-männlichen Augenbrauen. Durch diese beiden Konterparts, zerfließt nun sein gesamtes Äußeres in etwas gänzlich Unklares, Undurchschaubares. Im strengen Gegensatz dazu Vizekanzler Prölls Lagerhaus-Schnürlsamthut-Frisurenkomposition. Diese hat die erdige und grundehrliche Bauernschlauheit des Volkes auf seine sehr hohen Stirn geschrieben. Ob jene nun mit der urbanen Undurchschaubarkeit Feymanns korrespondiert oder ob dieses Regierung sich schon bald in den Haaren liegen wird (sic!) wird sich noch zeigen ...
   internationale Haar, das: Doch gehts natürlich auch anders. Gerhard Schröder, bis 2005 Bundeskanzler in Deutschland, und ein echter Macher, ein hemdsärmeliger, kantiger Sozialist. Und soeiner soll sich von irgendeinem dahergelaufenen Schreiberling nachsagen lassen sein gepflegtes Kanzlerbraun sei gefärbt? Soeiner? Wo hätte denn soeiner überhaupt die Zeit dafür gefunden sein natürlich schönes Haar auf derart kroteske Weise zu verunstalten? Vor lauter Malochen und Schaffen konnte man Schröder 2005 nichteinmal klarmachen, daß jetzt diese herbe, ostdeutsche Prinzessin Eisenherz das Land in Zukunft lenken und durchdenken darf. Was sie die letzten Jahre auch vorbildlich geschafft hat. Die Frisur sitzt, und nach zwei entbehrlichen roten Vizekanzlern, konnte sie nach den Wahlen 2009 auch endlich frisurentechnisch einen herzeigbaren Koalitionspartner präsentieren. Eine dezent gemeschte Westerwelle die sogar ein bisschen Englisch kann.
   Auch auf die Gefahr hin demnächst von gedungenen konspirativ - komunistischen Südeuropäern „gedomt“ zu werden, darf hier „il Cavaliere“ natürlich auch nicht fehlen. Dieser große, integere, unbescholtene und vorbildhafte Staatsmann Italiens, der dieses Land zu einer stolzen Vorzeigedemokratie verwandelte, will sogar nicht in die verschiedenen oben genannten Schemata passen. Keine Spur von Eitelkeit, Haarfärbeskandalen oder gar Haarimplantaten. Silvio Berlusconi, ein Politiker der auf das angenehmste heraussticht aus dieser Masse oberflächlicher Haarfeti­schisten.
   Zu guter Letzt das größte haartechnische Mysterium seit Einsteins Bobtail­singularität und Donald Trumps „Living-and-Moving“ Echthaarmonstrosität: Osamas Haarschnitt! Noch besser versteckt als er selbst, noch unbekannter als sein Aufenthaltsort. Wer es schafft derart uneitel und konsequent jegliche unwider­stehliche Frisurentrends wie den „Beckham“ oder den „Emo-Wimmerl­vorhang“ vollkommen unbeeindruckt zu ignorieren, und seine wahre Haarpracht bei jedem seiner öffentlichen Auftritte verdeckt zu halten, dem ist tatsächlich alles zuzutrauen. Der einzige Hoffnungsschimmer für die Zukunft aller, durchbrach 2007 dieses düstere Jahrzehnt: wenigsten färbt er sich den Bart! Und so möge auch auf ihn diese neue, leichtfüßige und dekadente Eitelkeit der 10er Jahre herabkommen und somit diese Welt, dieses neue Jahrzehnt sicherer und liebenswerter machen. bv











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