Nennt mich Ishmael
Burt Viola, 25.4.2002
Nennt mich Ishmael oder: das kleine literarische Gewinnspiel -
inspired by Knight Rider

Folge 1

   Zirkus! Der Zirkus. Heimstätte der Gaukler, Artisten, Zauberer, geheimnis­volles Wandervolk. Es gab Zeiten als ich bei diesen Leuten meinen darben Lohn verdienen musste. Damals, in jungen Tagen, und frisch erblühten Sonnen­auf­gängen da ward mir eine Begegnung von Schicksals wegen zugestanden. Eine Zeit voll Morgentau und Tannenwäldern, Auto­kino und Eiscreme, Märchen und Limonadenständen, Luftballons und bun­ten, in Haaren eingeflochtenen, Bändern, Petticoats und Rock `n´ Roll. Sie hieß B. Und mit B ... So etwas nenne ich einleitende Worte einer Geschichte. „Nur der erste Satz brauche spannend zu sein“, so der deutsche Intellektuelle Harald Schmidt, William Faulkner folgend. Nun ich glaube das wäre doch eine nähere Betrachtung wert.

   „Schmieriger kleiner Scheißkerl“, dachte Jack Torrance. Hört man in diesen ersten Worten nicht schon den irren Axtmörder sprechen? Ist das nicht äußerst langweilig feststellen zu müssen, dass einem, den ersten Satz lesend, bereits das voraussichtliche Ende verraten wird?? Nicht gerade ein Meisterstück.

   „Der erste Juli 1998 fiel auf einen Mittwoch.“ Welch geniale, in sich ruhende Aussage. Wenn das nicht jeden dazu hinreißen sollte diese Buch zu lesen. „Der erste Juli ...“ als Metapher für einen Neuanfang. Als inoffizieller Beginn alles Neuen, des Sommers, und nur drei Tage vor dem amerikanischen Unabhängigkeitstag, (!!) ... das regt zum Nachdenken an. „1998 ...“ Ein großartiges Jahr, meiner Meinung nach nicht zufällig gewählt. Das Jahr in dem Karl Löbl und Claus Peymann zurücktraten, Österreich die EU-Präsidentschaft innehatte, und die Fußballweltmeisterschaft in Frankreich ausgetragen wurde, vive la france! „Mittwoch.“ Was für ein Abschluss! Mittwoch, der Tag der Mitte. Auffordernd eben diese in sich zu suchen. Das Stimmige, Runde innerlich aufbegehren lassen. Es beginnt mit „Juli“ dem Neuanfang, dem Alpha und endet in der Mitte. Der bereits jetzt erregte Konsument dieses Werkes aus zusammengepressten Bäumen, ist gezwungen weiterzulesen, will, muss das Omega finden, es in sich aufnehmen um zu vergehen in der Ewigkeit. Genial.

   „Heute morgen aufgewacht.“ Absolut minimalistisch gestaltet. Kurz und hart. Ganz wie das Buch. Hart und dreckig. Kein Hinweis auf Sonnenstrahlen die einen in der Nase kitzeln, kein Vogelgezwitscher, kein „Der Kaffee ist fertig, Schatz!“, kein wachgeküsst werden, nichts was einem angenehm, vertraut erscheint, die wohlige Wärme unter der Decke, der Geruch des frischen Leintuches, kein „Walkin’ on Sunshine“ im Radio, kein Personalpronomen. Kalt, moosig, übelriechend, erbärmlicher Morgenständer, das Brennen im Kopf, der Ekel, die Gleichgültigkeit springen einem beim Lesen dieser ersten Zeilen ins Gesicht und kratzen einem das Gesicht blutig. So wie das gesamte Werk. Bis ans Ende zerfurcht, zerkratzt und kalt.

  „Ihr die ihr hier eintretet, lasset alle Hoffnung fahren“ ist in blutroten Lettern auf die Wand ...“ Ein Buch mit einem klassischen Bibelzitat zu eröffnen. Na ja. Das 12te Wort beinhaltet Blut. Eine Zutat mit welcher in diesem Buch geradezu verschwenderisch umgegangen wird. Mit diesen Voraussetzungen, und alle Hoffnung fahren zu lassen, geht man in dieses Buch. Zu Recht möchte ich meinen.

   „Ich schreibe die Angelegenheiten, die in diesem Dokument abgehandelt werden sollen, nieder, denn das nächste Leben nähert sich geschwind – fern bleibe uns das Böse, und möge mich der Geist des Übels nicht als Bruder betrachten! – und auch weil es unseresgleichen nie wieder geben wird.“ Welch poetisch angemalte Einleitung, vergleichbar dem Vorigen, auch hier wird die Hoffnungslosigkeit an die Hand genommen, und in diesem ersten Satz eine Hauptrolle zugewiesen. In diesem Falle allerdings etwas schöner ausgefasst, es spielt mit eigenen Worten, Erfahrungen. Keine billigen Slasher-Effekte, keine Alibi-Blutspritzer. Es spricht aus den Worten selbst die Traurigkeit. Doch bleibt der kleine Hoffnungsschimmer, dass es uns nicht allen so ergehen wird. A new hope..

   Gewinnspiel: Wer es schafft, all diese Zitate dem richtigen Werken zuzuordnen, erhält ein persönliches Geschenk des Verfassers. Alsdann, bv

PS: Gewidmet all denen die die Tücken des Straßenverkehrs nicht immer verletzungsfrei meisterten. Alles Gute und Beste dir, Oh mächtiger Sensei.

PPS: Die B. ist frei erfunden, und unterliegt der selbstauferlegten Schweigepflicht der Literati.







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