José Feliciano
Burt Viola, 3.11.2003
José Feliciano od. Alle Wege führen nach Wien, aber keiner hinaus ...  

   Es ist 8 Uhr früh und ich gehe nach Hause. In der U-Bahn betrachtet ein häss­liches Gesicht (meines) viele andere (Wie­ner­Innen). Augenringe tief wie der Mari­annen-Graben, schwarz wie im Arsch eines spanischen Stieres in einer be­wölk­ten Neumond Nacht. Auch mein Odeur lässt zu wünschen übrig. Langsam, knat­ternd, führt die Rolltreppe ihre sisy­phos´sche Arbeit aus, und trägt mich, Stairway to Heaven-gleich, hinauf in den frisch erblühten Morgen. Es ist Sonntag. Es ist Sommer. Müde Schritte auf dem noch nachtkühlen Straßenpflaster. Hinter mir geht in Farben, die im folgenden gleich beschrieben werden, die Sonne auf. Ein Orange auf das der Obi-Biber neidisch wäre, ein Gold so gold wie der Wein Stammersdorf, und Gelb wie wasserarmer und zugleich schadstoffreicher Urin. Was womöglich am vielerorts, und vor allem samstäglich oft praktizierten, Freiluft­urinieren der männlichen Wiener Bevölkerung liegen mag. Als stiegen diese Dämpfe in den Ether, um sich dort mit den solaren Teilchen zu paaren und dadurch ein gar arg glitzerndes, koitales Strahlen verursachen, die den Wiener Sonnenaufgang zu einem der schönsten weltweit macht. Wien. Die schönste und beste Stadt der Welt. Allzu oft begegnen mir in dieser, meiner Stadt die herzschmeichelndsten Glücksmomente wo gibt.
   Es ist Sonntag. Es ist Sommer. Die Sonne geht auf. 8 Uhr früh. Ich gehe die letzten Meter bis zu meiner Haustür. Die Strassen sind leer. Tief werden die Sonnenstrahlen auf die Häuser geworfen. Glücksmoment. Die schönste Sprache der Welt wird gesprochen. Ich sitze in einem Lokal und jemand bestellt ein kleines Bier. „A Seidel bitte!“ Sprich: Sää´l. Einfach herrlich.
   Wer will schon die schon fast manisch anmutende andauernde Fröhlichkeit der Mittelmeer- und Südamerikanischen Staaten, dämliche Dauergrinser. In Wien wird einem auch mal die gepflegte Depression, das Aug´fressensein gegönnt. Auch das gehört sich, auch das ist Leben. Wien, die ausgeglichenste Stadt der Welt.

Die Hass-Liebe zu den Einwohnern dieser Stadt

  Ich betrete die Straßen und könnte kotzen. Ein derart unsymphatisches Volk, dass man sich frägt wie diese mieselsüchtigen Menschen es jemals geschafft haben, gemeinsam eine Stadt wie Wien zu errichten, und sich nicht, nach dem Bau, entschlossen an die Stadt ein „Zu verkaufen“-Schild anzubringen, den Gewinn zu teilen und ihre eigenen, getrennten Wege gingen. Nach dem klassischen „Jungehe-Hausbau-Katastrophen-Scheidungsszenario“. Nein, nicht die Wiener, sind ja doch die Besten. Millionenmal wurde die Scheidung jedes einzelnen Einwohners unter­einander, und mit seiner Stadt angedacht. Doch wie es sich gehört, geschah es nie in einem deutlichen Ausmaß, korrekterweise wurde weiterhin in geschundener Ehe zusammengelebt. Man wusste sich zwar nichts mehr zu sagen, in der Straßenbahn wird üblicherweise geschwiegen, kein Lächeln wird verschwendet, die Mauer­gesichter in der Straßenbahn, doch der Anstand gebietet es weiterhin böses Spiel zu schlechter Mine zu machen und in seiner Stadt zu bleiben und weiterhin mit seinen darin lebenden Menschen zu leben.
   Was würden denn andere Städte sagen, wenn Wien nicht mehr wäre, do hod ma jo glei a schlechte Nochred! (die man ohnedies schon in den anderen österreichischen Städten genießen darf).
    Ich betrete die Straßen und muss grinsen. Niemand ist derart sympathisch unsympathisch als die Wiener. Ich sitze Samstag früh im Taxi, und jener Lenker des eben erwähnten, deckt einen tatsächlich mit obskuren Verschwörungstheorien ein. (Wussten sie, dass die Reichsbrücke seinerzeit absichtlich von der Stadt Wien gesprengt wurde, dass sämtliche Ampeln Wiens so geschaltet werden, dass grundsätzlich die öffentlichen Verkehrsmittel im Vorteil sind ...?) Vor deinem Haus steht eine verkommene Gestalt, und beschimpft einen Baum, gibt es deutsch-blondierte Mitt-Dreißiger die ihren Managerposten aufgaben um in einer dritt­klassigen Kaschemme im Westen Wiens die Kellnerin zu geben, sind Swinger-Clubs nicht versperrt, Donauinselfest, Otto Schenk im Eislaufverein, Waluliso (rip), Hawelka, der fette Häuptling (´schuldigung, Herr Bürgermeister) 112 Christkindl­märkte, 344 Kinopaläste, Hundehäufchen, die Brünner Straße („Little America“ in Floridsdorf), U3 Aufgang Stehphansplatz, 558 Museen, knapp 2 Mio. gute Autofahrer, Parkplätze, da Brandineser, der blonde Wüterich auf der Mariahilfer Straße, das Blue, Friedhof der Namenlosen, Alberner Hafen, „Suuugfäähdap!“, Bauchstichütten, Seidlwandertage, Erstbesteigungen, Edmund Sackbauer, Koller & Zilk, Wettpunkt ... Wien. Hier muss man leben, hier möchte man sterben. Der österreichische Wasserkopf. Mit der einen Hand wird er sanft gestreichelt, mit der anderen draufgeschlagen, in der Hoffnung, dass er endlich platzen möge. In diesem Sinne: ein Hoch aufs tiefe Wien, bv







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