Kindertransport
Mariella, 19.11.2012
   Neuerdings fällt dem aufmerksamen Stadtbürger folgendes ins Auge: Kinder­wägen, aus denen die überdimensionalen Gliedmaßen viel zu großer Kinder hervor­quellen. Auf den ersten Blick könn­te man noch dem Irrtum erliegen, die Kinder­wägen seien nicht auf die heutigen, über­ernährten Bomberbabies ausgelegt. Doch die genauere Betrachtung sowie der sofort ersichtliche Platzmangel rund um diese monströsen Gefährte stellen schnell folgendes klar:
Aus Gründen, die noch nicht zur Gänze erforscht sind, scheint es aktuell für Mütter Mode zu sein, ihre kurz vor der Pubertät stehenden Sprösslinge noch in Kinderwägen vor sich her zu schieben. Das erstaunte Auge versucht zu erfassen, was Eltern unterschiedlichsten Alters dazu veranlasst, Jugendliche in Wägelchen zu pferchen und sie durch Straßen, in Geschäfte und öffentliche Verkehrsmittel zu schieben. Mit folgenden Erklärungs­versuchen:
   Variante a) die zunehmende urbane Bevölkerungsdichte zwingt das besorgte Elternteil zu obiger Handlung, damit dem Spross auch immer und überall einen Sitzplatz gesichert sei. Diese These würde die exponentielle Häufung der Jugendwagerlsichtungen in öffentlichen Verkehrsmitteln bestätigen. Auf diese Weise wäre auch ganz schnell ein Schulplatz, die Poleposition im Hörsaal oder der Vorsitz im Parlament gesichert - die Eltern bräuchten das Wagerl nur an die entsprechende Erwartungsposition zu schieben. Spielplätze, Schultische und Cockpits werden demnächst der neuen Sitzhöhe angepasst. Lehrstellen fallen künftig aufgrund ihrer Bezeichnung aus dieser Argumentation leider heraus.
   Variante b) um die völlige Unart der Erziehung zu umgehen, schnallt man den Ableger einfach in ein Wägelchen und transportiert ihn so von A nach B. Keine lästigen Diskussionen, keine körperliche Gegenwehr und Mutti muss sich in der Öffentlichkeit nicht ständig entschuldigend für Erziehungsmaßnahmen umsehen. Demnächst wird, durch diese Vorgehensweise gestützt, der praktische Ganzkörper-Kinderwagen mit eingebautem Zwangswestchen Einzug halten, damit auch jegliche Ausbruchs- und Übergriffsversuche seitens der Kinder unterbunden werden können. Selbstverständlich mit dem dazupassenden Knebelchen in den Geschmacks­richtungen Cola, Himbeere und Marlboro Light.
   Variante c) die eingeschränkte Bewegungsfreiheit garantiert ein minimiertes Verletzungsrisiko und macht althergebrachte Kinderkrankheiten wie aufgeschürfte Knie, zerschundene Hände und grüne Ellenbogen zu einem Relikt des 20. Jahrhunderts. Das Kind von heute rollt verletzungsfrei und blitzsauber ins Grab.
    Varianten d) bis k) befinden sich noch in der Studienphase IV und müssen auf ihre Anwendbarkeit getestet werden. Eines jedenfalls sei jetzt schon festgestellt: nämlich dass diese neue Elterngeneration uns nicht nur mit einer unvorteilhaften Namens­gebung Nerven kostet, sondern auch langfristig uns und sich selbst bare Münze. Denn die Evolution des Menschen hat nicht vorgesehen, geschoben zu werden, sondern freut sich darauf, unsere Muskulatur möglichst frühzeitig in Form von Bewegung auf ihr späteres Bestehen vorzubereiten. Spätestens wenn Ihr Kind also mehrmals wöchentlich Beschäftigungstherapien wie Kindergarten, Volksschule, Lehre, Gymnasium, Uni, Arbeit oder ähnliches absol­vieren kann, sollte es auch mehrmals wöchentlich und darüber hinaus nicht nur dort hin laufen dürfen. Das ist nämlich gesund und kann durch neumodischen Schnick­schnack wie Baby-Yoga nicht wettgemacht werden. Und sollten Sie sich immer noch nicht sicher sein, ob Sie Ihr Kind der körperlichen Gewalt in Form von Schlägen an den Fußsohlen durch Bodenberührungen aussetzen sollen, sei an letzter Stelle eine kurze, aber wirkungs­volle Regel in den virtuellen Raum geworfen:  Spätestens wenn Ihr Kind ihre Schuhgröße erreicht hat, sollte es auch darauf stehen dürfen! Mariella










_retour