Wie geht es weiter mit den Lorelais?
Frau K, 9.10.2006
   Um eins gleich vorweg klarzustellen, das ist kein objektiver Bericht. Ich liebe die Gilmore Girls, bin süchtig, könnte man behaupten. Wenn's Stars Hollow wirklich gäbe, dann würde ich dorthin ziehen.
   Da ja nun im deutschsprachigen Fern­sehen gerade die sechste Staffel an­ge­laufen ist, kann davon ausgegangen werden, dass jede/r schon mal über diese Serie gestolpert ist und zumindest fünf Minuten davon gesehen hat. Wir wissen also zumindest alle, dass Lorelai (Lauren Graham) und Rory (Alexis Bledel) sich gerne 45 Minuten den Mund fusslig reden während sie durch die bezaubernde Kleinstadt Stars Hollow wirbeln. Bei dem Tempo der Dialoge, das bei dem Kaffeekonsum der beiden nicht weiter verwundert, kann einer/m schon manchmal schwindlig werden. Liegt vielleicht auch an der Fülle der Informationen, die dabei über eine/n hereinbrechen. Aber ähnlich wie bei der Sendung ohne Namen macht gerade die Tatsache, dass frau/man zum guten Teil keine Ahnung hat, wovon gerade die Rede ist, auch einen Grossteil des Reizes aus. Für Leute wie mich, die sich Serien leidenschaftlich gern im englischen Original anschauen, werden die Wortgefechte dann mitunter schon zu einer echten Herausforderung, aber zum Glück gibt's ja Untertitel. Belohnt wird die Anstrengung auf jeden Fall mit intelligenten, witzigen, ansteckenden Dialogen, die in der grenzenlosen TV-Serienlandschaft ihresgleichen nicht nur weit und breit suchen, sondern eigentlich nicht finden. In Interviews kommt einem die Autorin Amy Sherman-Palladino gar wie die lebendige Vorlage zu Lorelai vor. Ihrer Einstellung, dass das Publikum einer Serie immer nur so intelligent ist, wie frau/ man es ihm zu sein erlaubt, verdanken wir den unverwechselbaren sarkastischen Humor dieser Serie. Sie ist die Schöpferin dieses Gilmore-Universums, in dem Lorelai darum kämpft, von ihren aristokratischen Eltern Emily und Richard Gilmore loszukommen, die so eine ganz andere Vorstellung vom Leben haben als sie, die mit 16 Jahren Rory bekommen und ihren eignen Weg eingeschlagen hat. Auf der Suche nach dem Mann ihres Lebens merkt sie nicht, dass sie ihn schon längst in ihrem besten Freund dem ewig grantigen aber so liebenswürdigen Luke gefunden hat. Ein Klassiker! Rory wächst im lauf der Serie von der perfekten Streberin und Mustertochter, die immer eine Vermittlerrolle zwischen Lorelais Welt und der ihrer Eltern einnimmt, über rebellische Umwege zu einer eigenständigen Frau heran.

   Überhaupt ist die Entwicklung der einzelnen Charaktere tw. so schmerzhaft realistisch, dass einer/m zeitweise der Gedanke kommt‚ so was will ich im Fernsehen eigentlich gar nicht sehen'. Aber ein gewisser ‚Du sagst es, Schwester!'-Effekt trägt auch ordentlich zur Identifikation mit den Hauptfiguren bei und fesselt ein/n an das aufregende Leben dieser zwei absolut sympathisch durchgeknallten Frauen, mit denen frau/man schon nach ein paar Folgen wahnsinnig gern befreundet wäre. Ich bin's übrigens, genauso wie mit den verrückten Figuren, die die beiden ständig begleiten: Sookie, die chaotische beste Freundin von Lorelai, Lane, die koreanische Rebellin und beste Freundin von Rory, die absolut jenseitige Paris, der Franzose Michel, sämtliche Stars Hollow Kleinstadtcharaktere Kirk, Miss Patty, Tailor, und natürlich nicht zu vergessen die schnuckeligen Freunde von Rory, Dean (gut, der war immer ein bisschen ein Weichei), Jess und dann Logan, ach ja und Christopher - Rorys Vater, der taucht auch immer wieder auf.
   Eine große Rolle für den Wohlfühlfaktor dieser Serie spielt aber auch das absolut gelungene Set-Design. Mit soviel Liebe zum Detail wurde da eine dermaßen einladende Kleinstadt in Connecticut entworfen, dass der New England Tourismus­verband (falls es so was gibt) eigentlich die Finanzierung der Serie übernehmen müsste. Einmal in dieses Dragonfly Inn auf Urlaub fahren und die genialen Kochkünste von Sookie genießen, das wär's! Auf einem dieser gemütlichen Sofas sitzen umgeben von handgefertigten dunklen Bücherregalen, bunten Tiffanylampen und ausgesuchten kleinen Antiquitäten. Und diese Farben! Die Beleuchtung macht vielleicht den Grossteil der Atmosphäre aus, denn anscheinend wird hauptsächlich bei Sonnenauf- oder untergang gedreht, das heißt warme Farben und licht­durch­flutete Räume. Die Musikauswahl v.a. mit Sam Phillips als Haus- und Hofkomponistin vervollständigt den Gesamteindruck eines Ausflugs in eine eigene kleine Lorelai-Welt.

   Gut, vielleicht hab ich's jetzt mit der Schwärmerei ein wenig übertrieben. Mir bleibt im Grunde auch nur eins zu sagen: Selber anschauen! Und dabei am besten von vorn beginnen und systematisch vorgehen. So erscheint die Entwicklung der einzelnen Charaktere am einleuchtendsten, denn man merkt der Serie an, dass sich Amy Sherman-Palladino einen mehrjährigen Handlungsstrang überlegt hat und in den späteren Staffeln eine gewisse Kenntnis der Grundmotivation aller Personen voraussetzt. Sie hätte die Serie an sich eigentlich für sieben Jahre konzeptioniert gehabt, wobei am Ende Rory ihr Studium in Yale abschließen sollte. Die letzte Folge hat sie sogar schon geschrieben und in einer Schublade liegen, es kann nur gut sein, dass wir diese nie zu Gesicht bekommen werden. Denn nach der sechsten Staffel (die läuft momentan im ORF und auf VOX) hat sich die Gilmore Girls Mutter mit den Warner Brothers nicht mehr einigen können und ist - ja, großes EntEntsetzen – gemeinsam mit ihrem Mann und Produzenten Daniel Palladino aus der Serie ausgestiegen. Ihr Abschiedsgeschenk, die letzte Folge der sechsten Staffel, war anscheinend als kleiner Racheakt am Studio gedacht, sie hat die Geschichte nämlich in ein Eck manövriert, von dem aus es ihr Nachfolger schwer haben wird weiter zu erzählen. Den eingefleischten Fans hat sie dafür mit der vorletzten Folge (Driving Miss Gilmore) eine der witzigsten Folgen überhaupt mit einem Feuerwerk an genialen Dialogen hinterlassen. Es ist wirklich schwer vorstellbar, wie die Seele dieser Serie erhalten bleiben soll, wenn die dafür Hauptverantwortliche keinen Einfluss mehr auf den weiteren Verlauf haben wird. Was allerdings Anlass zur Hoffnung gibt, ist, dass ihr Nachfolger David Rosenthal bereits seit 2005 im Autorenteam der Gilmore Girls mitgearbeitet hat und somit ihre Arbeit aus einer Insiderperspektive kennt und damit theoretisch fortsetzen könnte. Die Vita dieses Mannes ist allerdings ein wenig verstörend. Während seiner Zeit als Autor für „Spin City" (aka „Chaos City") lernte er Heidi Klum kennen, die ein paar Gastauftritte in der Show hatte, und entwickelte eine ausgewachsene Besessenheit von dieser Frau. Und wir sprechen hier wirklich von einer "wurde von seinem Vater in eine psychische Anstalt eingewiesen" Besessenheit. Er ließ sich von seiner Frau scheiden und kündigte seinen Job, um sich voll und ganz aufs Schreiben eines Theaterstücks zu konzentrieren, in dem es darum ging, dass er mit Heidi Sex haben wollte. Möglicherweise gehört aber zum kreativ sein immer ein gewisses Maß an außerhalb der Bahn laufen.
   Wie auch immer! Für einen Absprung ist es bei mir ohnehin längst zu spät, unmöglich bei diesem Grad an Abhängigkeit. Deshalb bleibt mir nur die bange Frage: Wie geht's weiter mit den Lorelais? Vorvorige Woche ist die neue (siebte) Staffel angelaufen, und ich muss sagen, es sieht nach der ersten Folge zumindest vielversprechend aus. Man könnte sogar behaupten die Charaktere finden wieder mehr zu sich selbst, als dies über weite Strecken der sechsten Staffel der Fall war. Allerdings will ich für diejenigen, die sich überraschen lassen wollen an dieser Stelle nicht zuviel verraten. Für die Neugierigen gibt's hier eine ganz gelungene Kritik. Frau K








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