10 Jahre Ottenstein
Markus, 16.8.2004
Ottenstein - Die Legende oder Psychohygieneseminare für den modernen, jungen Mann im Waldviertel - Prolog oder 10 Jahre Frohsinn im Waldviertel

   1994 nahm diese Geschichte ihren An­fang (siehe „Ottenstein – Die Legende“). 10 Jahre Männer-Seminare im Wald­viertel! Welch ein Jubiläum! Aus diesem Anlass lasst uns kurz an den Händen neh­men, innehalten und demütig gedenken ... Danke. Aber jetzt hoch die Tassen und auf die nächsten 10 Jahre! Prost.

Ottenstein 2004

   Ende Juli wars als uns das Waldviertel wieder einmal dazu einlud seinen schöns­ten Platz aufzusuchen: den dunklen Forst rund um den prächtigen Stausee Otten­stein. In freudiger Erregung gings also wieder auf wohl vertrauter Strecke Richtung Seminar-Wochenende. Als wir gerade des frühen Abends Langenlois durchquerten durchzuckte Wolfgang ein deftig herausgewürgtes „Scheiße!“. Der Pflicht­ver­ges­sene hatte seinen Schlafsack nicht mitgenommen! Es folgten hektische Gespräche am cellularen Telefon, doch, sein Kummer war groß, alle taktischen Einheiten befanden sich bereits weit ab der Tore Wiens. An Umkehr war daher nicht mehr zu denken. Zerknirscht hang er nun traurig im Beifahrer-Gestühl des Wagens und seine Tränen tropften auf den Originalteppich.
   Gott sei Dank hatten wir genügen Zeitungen mit, die Wolfgang in der folgenden Nacht vor Frostbeulen und abgestorbenen Extremitäten schützten! Am nächsten Tag begaben wir uns bei den üblichen Besorgungen in Zwettel in einen dort ansässigen Baumarkt und kauften Wolfgang, unser mühsam Erspartes zusammen­kratzend, einen nagelneuen Schlafsack um preisgünstige 69 €. Sein dankbares Ge­sicht beim Anblick der neuen Liegestatt wird keiner von uns jemals vergessen!
   Nach ersten Schwimmübungen und zaghaften Sprüngen von den imposanten Felsen, versorgten wir am ersten Abend unsere knurrenden Mägen mit herz­haf­tem Thunfisch. Dieser wurde, reinlich wie wir sind, in einem Mistsack entsorgt den wir dann am Baum gleich neben unserer Feuerstelle anbrachten. Das sollte Folgen haben... Mit dem Vorrücken der Nacht be­gann uns, einen nach dem anderen, Müdig­keit zu befallen und wir betteten uns zur Ruhe. Der fleißige Daniel beschloss sein Zelt unaufgebaut zu lassen, und trappte auf leisen Sohlen zur Anhöhe gleich hinter unserem Lagerplatz, wo sein Auto stand. Eingewattet in die sanften Woofer-Klänge seiner Audioanlage hüllte ihn alsbald süßer Schlummer ein.
   Alles war nun ruhig und friedlich. Doch da! Rascheln im Gebüsch! Halb schlafend lauschte ich in die schwarze Nacht hinein. Und wieder! Schnelle Schritte rund um unser Zelt! Das konnte doch nicht Daniel sein, der vom Hunger getrieben den Hang heruntergewackelt kam, um einen nächtlichen Gabelbissen einzunehmen? Wollte uns da wer ans Leder? Womöglich der grause Bellabutz (Anm.: Sagengestalt des Waldviertels)? Schon wollte ich den neben mir schlafenden Alex um fachmännischen Rat fragen, da ließen markerschütternde Gutturallaute den Tann erbeben: „Uh, uh!“ Es folgte heftiges Gestampfe, das mich aus meinem Schlafsack kullern ließ. Erneut: „Uh, uh!“. Stampf, stampf. Allen Mut zusammen nehmend reckte ich meinen Hals vorsichtig zum Zelt hinaus. Welch` Erleichterung! Kein wild­ge­wor­dener Eber wars sondern Schneida auf Nachtwach`! In flüsterndem Ton raunte er mir zu: „Heast, do is a Fuchs!“ „Warst du es gar, der eben so fürchterlich schrie, teurer Gefährte?“, fragte ich. „Jo“, entgegnete der unbeugsame Recke, „Dominanzverhalten. Um des Oasch-Viech zu ... woat ... do!!! Uh, uh!!“, unterbrach er seine Rede. Schnell kramte ich eine Taschenlampe hervor, um dem Tier angesichtig zu werden. Im Lichtkegel dann tatsächlich: gleich neben der Feuerstelle streckte uns Reineke Fuchs vorwitzig den Kopf entgegen! Dieser Anblick ließ selbst den grimmen Schneida erstarren. Doch schnell fand er das Primat des Handelns wieder. Mit entschlossenem Schritt und tobendem Geschrei stürzte er sich dem Rotkittel entgegen. Ich hielt ihm die Hand dabei. Überrascht von diesem beherzten Gegenangriff gab der Fuchs rasch Fersengeld und entschwand im fins­ter­en Gehölz.
   Obschon wir über den Grund seines Be­such­es noch ein Weilchen rätselten, kroch­en wir schließlich matt, aber er­leicht­ert, in unsere Zelte. Als wir am nächs­ten Morgen unseren Freunden be­rich­teten, zweifelten sie an unsrer Rede! Doch dann fand sich am Wegesrand der erwähnte Müllsack. Zerrissen und ge­schän­det lagen er und die in ihm wohn­enden Thunfischdosen da. Eine dunkle Ahn­ung dräute in uns herauf und uns wurde bang. Durch ein kräftiges Früh­stück gestärkt fanden wir aber wieder zu gewohntem Tatendrang und stellten uns den Herausforderungen, die ein neuer Tag im Wald so mit sich bringt (Blasen- und Darmentleerung, Einkauf, Elektro­boots­fahrten und Todessprünge). Im Zuge des Nachmittags erschienen so dann der gute Dave und der feinsinnige Helmut auf der Waldesstatt und wurden von uns mit großem „Hallo“ willkommen geheißen. Auch die liebe Stixi und der knorrige Markus K. fanden Zeit für eine kurze Stippvisite. Bei so viel Ablenkung waren die schreck­lichen Erlebnisse der Nacht natürlich schnell vergessen! Bald wurde Brennholz geschlägert, die Dämmerung setzte ein und schon loderte ein gemütliches Feuer. Wolfgang bereitete unter Davids begeisterten Anfeuerungsrufen seine legendären Ottenstein-Spaghetti und auch die mitgebrachten Fleisch- und Wurstwaren wollten einer Röstung zugeführt werden. Durstig geworden durch die würzige Beize des Gegrillten, ließen wir kühles Bier in großen Mengen unsere Kehle hinunter fließen. Freudiges Johlen erfüllte da den Wald und es herrschte eine kindlich-ausgelassene Stimmung. Auf Sauberkeit und Hygiene bedacht landete die beeindruckende Menge an Essensresten (3 Koteletts, 2 Käse­krainer, 2 Berner Würstel) wiederum in einem Müllsack. Als zu später Stunde die Lohe des Feuers langsam kleiner wurde, beendete bedrohliches Rascheln jäh unser unbekümmertes Gelage. Konnte das wieder der freche Reineke sein? Lockte ihn gar das gegrillte Fleisch? Wolfgang erkannte den Handlungsbedarf als erster und mit den Worten „Des brauch I jetzt ned!“ riss er den Müllsack vom Baum und stapfte hinaus auf die große Wiese, um ihn weit ab von unserem Platz zu ent­sorgen. Wir anderen verharrten. „Öha, geh scheißn! Wos is…argh...der spinnt… Ahhhhh!“, schrie Wolfgang plötzlich aus Leibeskräften.
   „Oh nein! Zu Hilf`!“, erschauderten wir anderen, „Der vermaledeite Fuchs macht Wolfgang den Garaus!“ Mit zitternder Stimme riefen wir ihm zu: „Lieb` Freund halt durch!“ Doch da kam dieser schon behände wie eine Antilope einher gesprungen. Mit stockendem Atem lauschten wir seinem Bericht: der Fuchs, wohl fast zwei Meter groß, versuchte Wolfgang auf freiem Feld zu Fall zu bringen. Mit einer geschickten Wendung und einem elegantem Sprung zur Seite gelang es dem schlauen Wolfgang, das hinterlistige Vieh zu täuschen! So dann beförderte er mit strammen Wurf den Müllsack weit hinaus aufs Feld, worauf das hungrige Tier in wildem Lauf davon stob ... Nun brauchten wir alle einen Schnaps.
   Um die Mittagszeit erhoben wir uns am nächsten Tag aus den Schlafsäcken. Alex ging gleich Nachschau halten, ob wohl von Wolfgangs nächtlicher Heldentat noch Spuren auf der Lichtung zu finden seien. Tatsächlich! Der gesamte Müllsack war in seine Einzelteile zerlegt und von den darin befindlichen Fleischresten war kein Stück mehr übrig. Wie ein Berserker musste der Fuchs hier gewütet haben. In diesem Moment kam Helmut entlang des neu geebneten Waldweges (Dank der Ge­meinde Ottenstein dafür!). Er erzählte, dass ihn der brennende Sod früh auftrieb und er darob beschloss einen Morgen­spa­zier­gang zu unternehmen. Auf diesem traf er den verfressenen Fuchs und hielt mit ihm Zwiesprache. Bitter reute die zwei der unmäßige Fleischgenuss, da ihnen nun beiden die deftige Beize sauer aufstieß. Zudem musste sich Herr Fuchs auch eine Standpauke von seiner klugen Gattin anhören, der seine nächtlichen Gelage schon lang ein Dorn im Auge sind. Im Übrigen wurde er von der zuständigen Behörde mit einer saftigen Strafe belegt, weil diese den Tatbestand der Wegelagerei als erfüllt ansah. Mitfühlend kratzte ihm Helmut darauf den dicken Wanst und versorgte das Füchslein noch mit guten Ratschlägen.
   Derweil wir gebannt Helmuts Ausführungen lauschten, kündigte ein eisiger Nord das Nahen eines Gewitters an. Es wurde also wieder einmal zeit unsre Wagen zu beladen, Fauna und Flora die Hand zum Gruß zu reichen und dieses wundervolle Fleckchen Erde zu verlassen.

Schlussbemerkung

   Der liebe Daniel musste uns unverschuldet und aus Gründen, die wir hier selbstverständlich unerwähnt lassen, im Laufe der zweiten Nacht frühzeitig verlassen. Das war mit Verlaub ziemlich scheiße und das haben wir alle auch sehr bedauert. Darum: „Möge dir nicht nochmal so übel mitgespielt werden guter Freund! Daniel wir lieben dir!“ mk






Links:
Ottenstein - die Legende
Ottenstein Reloaded

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