Ottenstein - Die Legende
Markus, 15.4.2002
Ottenstein - Die Legende oder Psychohygieneseminare für den modernen, jungen Mann im Waldviertel

   Die Psychohygieneseminare im Wald­viertel (vulgo „Zeltln in Ottenstein“) sind mittlerweile eine Institution. In den Mo­na­ten Juli und August fährt jedes Jahr eine Gruppe von modernen, aufrechten, jungen Männern an den aufgestauten Kamp, um angeleitet durch ein ab­wechs­lungs­reiches Programm (Grillen, Schwim­men, Bootsfahrten, Todesspringen von den hiesigen Felsen, Darm- und Blasen­ent­leerung in freier Natur, Bier- und Schnapsverkostung ...) zur inneren Mitte zu finden. Über die Geschichte dieser Se­mi­nare wird nun euch, den Daheim­ge­blie­benen, im folgenden berichtet. Ich hoffe ihr empfindet dabei Kurzweil.

1994

Teilnehmer: Wolfgang, Alex, Chriz und Markus

   8 Jahre ist es nun schon her, dass uns der Ruf das erste Mal ereilte gen Waldviertel zu eilen, um dort in geballter Testosteronheit Einkehr zu halten. Und es war wichtig, damals als wir an den Ausläufern unserer Adolesenz standen („Matura, was nun?“), diesen Ort der Stille aufzusuchen, und uns auf ein gemeinsames Mantra ein­zu­stimmen. Aber wer waren eigentlich „Wir“? Nun da war der Pregler Chriz (ver­trau­lich: „Viech“), der Mayerhofer Wol­fi (süß­holz­raspelnd: „Blondel Chi­ne­sel“), der Weber Alex (liebevoll auch W-Bär ge­nannt oder Großmeister “W“) und meine Wenigkeit. „Wir“ dürfen uns also auf die Fahnen heften, Pionierarbeit in der Selbstfindung bzw. Leitbildisierung des modernen, jungen Mannes geleistet zu haben. Wolfi besonders, denn er kann­te diesen Ort vor uns allen. Dank auch an seinen Kadett (selig), ohne den wir es sowieso nie geschafft hätten. Damals war alles vielleicht noch ein wenig jugendlich – ungelenk. Die Bärte auf den Fotos zeugen davon. Die Verpflegung fiel ebenso etwas kärglich aus (Kabbernossi, Senf, Mayonnaise plus ein Laib Brot, Bier). Die Abwesenheit überflüssigen Tands half uns aber, uns auf das Wesentliche - Einkehr, ausloten der eigenen (Magen-)Grenzen - zu konzentrieren. Körperlich geschwächt, doch innerlich gefestigt reisten wir nach drei Tagen wieder ab – natürlich mit dem Vorsatz wiederzukehren.

1995

Teilnehmer: Wolfgang, Alex, David, Markus, Chriz und Peter

   Und so sollte es sein. 1995. Vielleicht das Ottenstein-Jahr überhaupt. Auch das Jahr der Experimente. Man kennt das ja in diesem Alter. Ganze zweimal fanden wir in jenem Sommer den Weg durch das kurvige Geläuf hinauf ins Waldviertel. Wir verfügten über einen „Van“. Und das war gut. Dieser Aufenthalt war von allen der musikalischste! Unter der Anleitung von Autodidakt Schober, Sangeskünstler Hell, Saitengott Mayerhofer und einer Kiste Bier gelang, eingebettet in die einzigartige Aura des Waldviertels, die Komposition des Songs Homosexueller Schwuler - ein Musikstück von zeitloser Schönheit.    Auch der liebe Alex  schuf mit dem Lied "Nockad in mei'm Zöt" ein klingendes Manifest zum Thema „Ottenstein“, dass seitdem imposant wie ein Monolith in der musikalischen Landschaft steht. Durch diese Hymnen gestärkt fanden einige von uns die Kraft, sich todesmutig von den hiesigen Felsen in die Brandung des Stausees zu werfen. Diese Mutproben brachten leider auch Kollateralschäden mit sich - seit Christians Sprung ist der Pegelstand des Stausees nicht mehr der selbe - aber der See sowie die umliegende Natur haben es verkraftet. In diesem Jahr lernten wir auch das LKH Zwettel kennen. Mitten in der Nacht wurde einer von uns (Peter) von heftigem Ohrenschmerz hergebeutelt. Ohne lang zu zaudern, brachten wir ihn in trauter Gemeinsamkeit in besagtes Spital. Doch obwohl der Ärmste sogar im Rollstuhl der diensthabenden Turnusärztin vorgeführt wurde (geschwächt durch den Schmerz verließen seine Beine die Kraft!), nahm sie die Erkrankung unseres Freundes nicht Ernst! Ein Skandal! Der vertrauenserweckende Chriz konnte sie dann doch vom Ernst der Lage überzeugen. Kurzum: Das Ohr konnte gerettet werden, und wir kehrten glücklich und zufrieden in die große Stadt zurück.

1995 II

Teilnehmer: Alex, Wolfgang, Max, Maria, Evelyne und Markus.
Auf Kurzbesuch: Gudrun, Richard und Hannes

   Der zweite Trip in diesem Jahr war der untypischste in der Geschichte der Ottensteinseminare. Erstmals nahmen ein halbwüchsiger (Max Mayerhofer, damals 14) und Personen weiblichen Geschlechts (die liebe Maria und die süße Evi) daran Teil. Zudem kamen auch Besucher vorbei (die von uns sehr geschätzten Gudrun und Richard Brock, sowie deren Bekannter Hannes), die uns ob der mitgebrachten Ausrüstung in unseren Grundfesten erschütterten: Campinggriller, -tisch, -sessel, Fön, Grillkohle und sogar Riedel-Gläser plus Wein aus der Bouteille sprengten geradezu den bis dorthin asketischen Rahmen. Unter diesen Voraussetzungen (Frauen, Luxus ...) war an innere Einkehr nicht zu denken. Wir waren de­ka­dent geworden und gaben uns dem süßen Le­ben hin. Ein Verrat am Ottenstein­ge­dank­en! Schön wars trotzdem. Auch Ver­pfle­gungs­tech­nisch waren wir in der Ex­peri­men­tier­phase angelangt. Wolfgang, der Gute, wollte uns mit Spaghetti Bolognese erfreuen. Am dritten Tage unseres Auf­ent­haltes begab er sich frohen Mutes zur Kühlbox, um das darin enthaltene, rohe Faschierte einer Röstung zuzuführen. Doch siehe da, es war nicht mehr hier. Gelangweilt ob der öden weißen Wände der Kühltasche, entschloss es sich auf Wanderschaft zu gehen. Nur mehr seine penetrante Geruchsnote, die das Faschierte uns und allen in der Tasche enthaltenen Speisen hinterließ, verriet, dass es einmal hier war. Unbestätigten Gerüchten zur Folge soll dieser wild gewordene Fleisch­klumpen durch rüpelhaftes Benehmen aufgefallen sein. Angeblich besprang er am Treppelweg eine harmlose Spaziergängerin und soll dabei diese geschwängert haben. Er zahlt angeblich noch heute Alimente. Durch diese bitterböse Enttäuschung geläutert schwört Wolfgang nur mehr auf gezähmtes, sprich vorgeröstetes, Fasch­iertes. Das ist gut und frommt dem Magennerv.

1997

Teilnehmer: Alex, Wolfgang, Matthias, Christoph, Chriz, Rene und Peter

   Das Jahr des schlechten Geschmacks. Die Vorgabe: der am geschmacklosesten Angezogen wird geehrt und mit Naturalien, nämlich Bier, belohnt. Es fällt schwer, diese modischen Grausamkeiten mit Worten zu beschreiben. Daher der Verweis auf die fotografische Dokumentation. Un­vergessene Szenen spielten sich während der Anreise bei der Shell-Tankstelle Prager­straße beim gemeinschaftlichen Benzin/ Diesel-Fassen ab. Unbescholtene Bürger ergriffen die Flucht, ließen mitunter ihre halbbetankten Autos herrenlos zurück, als sie den geballten Auswuchs an Häss­lich­keit sahen, der da aus her­unter­ge­kom­menen Studenten-Mobilen kroch. Und die letzten Aufrechten wurden durch Mat­thias, den Wüstling, vertrieben, der her­risch den Bizeps spannte, nachdem er den Zapfhahn in den Tankstutzen eingeführt hatte. Es hatte sich also wieder, nach dem dekadent-verweichlichten Intermezzo, das herb-maskuline, dem Ursprungs­gedanken folgend, breit gemacht. Ansonsten folgte der Aufenthalt dem üblichen Programm: Grillen, Trinken, Schwimmen, Trinken, Bootsfahrten, Trinken, Todes­springen, Trinken, Besuch von Landdiscotheken mit schlechtem Leumund und dort ... nun ja, Trinken. Einer fiel bei dem Besuch eines lokalen Tanztempels ("Y", Heiden­reich­stein) besonders negativ auf. Rene, sonst ein Gentleman reinsten Wassers, vergaß unter Alkoholeinfluss auf seine gute Kinderstube und begann damit, unschuldige Mädchen auf widerwärtig-betrunkene Art zu belästigen ..... Er sollte damit Erfolg haben. Trotzdem gelang es allen gesund und ohne äußere wie innere Verwundungen heimzukehren.

1998

Teilnehmer: Alex, Wolfgang, Rene, Peter, Hannes und Markus.
Auf Kurzbesuch: Matthias und Helmut

   Das wüste Gewand wurde abgelegt. Wir fuhren wieder normal gewandet, quasi inkognito, zu den geheiligten Stätten. Trotzdem sollte Unbill nicht fern bleiben. Doch dazu später mehr. Um neue Impulse zu setzen und uns vor Stagnation zu bewahren, nahm der sorgsame Peter ein kleines Gimmick mit, dass uns den Alltag im rauen Waldviertel versüßen sollte. Es handelte sich dabei um einen aufblasbaren Wassersessel. Als wir das kleine Mit­bring­sel erblickten, freuten wir uns wie die Schulbuben. Sogleich sprangen wir quietschvergnügt ins kalte Nass und trie­ben damit allerlei Unsinn. Das schönste Spiel, es fiel dem kreativen Schober ein, nannte sich „Triff den Christian“. Chriz hatte dabei nichts anderes zu tun, als sich in aller Fleischlichkeit auf dem Wasser­sessel treiben zu lassen. Wir anderen versuchten derweil, ihn durch Sprünge vom Felsen Richtung Wassergestühl von seinem hohen Ross zu holen. Heißa, war das ein Spass! Leider gelang es uns so gut wie nie, Chriz auszuhebeln. Aus Frust darob wiesen wir einen umherstreunenden Rottweiler an, sich doch in den hämisch lachenden Chriz zu verbeißen. Doch da war dessen Herrchen vor, das meinte sein domestizierter Meister Isegrim äße kein stinkendes Fleisch („Naaa, der frisst ka g`fäuts Fleisch!“.)
   Ja ja, die Hunde. Sie sollten uns bei jenem Aufenthalt immer wieder begegnen. So auch im sehr hübsch und idyllisch gelegenen Strandcafe. Wir lüpften gerade ein Tässchen Kaffee als in unmittelbarer Nähe zwei Hunde (Dogge, Dackel) einen Revierkampf ausfochten. Der Dackel hatte wohl begonnen. Nun fühlte sich aber der sanftmütige Wolfgang in seiner Ruhe gestört und forderte dieselbe in barschem Ton von jenen beiden Hunden ein. Das mündete in besagtes Unbill. Die Besitzerin der Dogge, zart von Wuchs und anmutig wie eine Elfe, hub zu einem Revanchefoul Richtung Wolfgang an. Über ein nicht unelegantes Crescendo gelangte sie in ein fulminantes Stakkato, dabei immer das Wort „Gehirnamputierter!“ wiederholend. Vollkommen perplex ob dieser künst­ler­ischen Darbietung, saßen wir da mit süd­wärts ausgerichteter Kinnlade und rangen nach Luft. Der schlagfertige Chriz fand als erster die Gabe des Sprechens wieder und warf eine geharnischte Antwort („Pock die scheiß Hundsleisch`n und verzupf`di!“) in den Raum. Nur leider fühlten sich zwei an diesem Zwischenfall vollkommen un­be­tei­lig­te Hundebesitzer angesprochen, die gerade entlang der Promenade lust­wandelten. Sie antworteten in ähnlich derbem Tonfall. Überraschenderweise ging diese Kalamität trotzdem ohne die obligatorische Wirtshausprügelei von­stat­ten. Keiner von uns wurde hergebirnt. Wir waren darüber dankbar. Am Abend, als ob der Aufregung noch nicht genug gewesen wäre, zürnte uns der Wettergott und vergoss über uns seine Tränen. Hannes, ein Tiroler von echtem Schrot und Korn, schützte dabei eisern unter Zuhilfenahme eines Regenschirmes unser Lagerfeuer. Wir anderen verkrochen uns derweil in unseren Zelten. Der sensible Helmut ergriff aus Angst vor dem „Blääätz“ die Flucht. Vielleicht war ihm aber auch Wolfgangs und Renes Aufmunterungsversuch zu viel. Um seine Laune zu heben, überfielen sie den Armen im Adamskostüm in seinem wackeligen Zelt und gaben dabei Grunzlaute von sich. Aufgrund des unwirschen Wetters endete daher am folgenden Tag unser Seminar, und wir brachen die Zelte ab.

2000

Teilnehmer: Alex, Wolfgang, Chriz, Martin, Daniel und Markus

   Das Jahr in dem wir uns dem Nachwuchs annahmen. Da manche von uns durch berufliche wie familiäre Verpflichtungen den Seminaren nicht mehr Folge leisten konnten, war nun die Zeit gekommen, uns des Nachwuchses anzunehmen. Martin und Daniel, zwei sehr ambitionierte junge Männer, sollten in die Geheimnisse des „Zeltelns“ eingeführt werde. Und gleich vorneweg, sie erwiesen sich als würdig! Daniel schlägerte das Holz fürs Lagerfeuer als gäbe es kein Morgen, und Martin verweigerte standhaft jede Waschung sowie die Linderung des Achselgeruchs mittels Deostift. Bravo, das loben wir! Beide entschieden sich auch gleich dazu, für die Entleerung ihres Darmes nicht etwa das WC im Strandcafe zu nutzen, sondern mit dem Unterholz im mystischen Tann vorlieb zu nehmen. Das rührte den empfindsamen Wolfgang zu Tränen. Wie so oft unternahmen wir auch dieses Mal eine Bootsfahrt. Tretboote waren leider keine zugegen, also mussten wir mit Ruderbooten vorlieb nehmen. Dem Boot in der Besetzung Alex, Wolfgang, Daniel wiederfuhr dabei ein Missgeschick. Auf dem Rückweg von einem der Todesfelsen, riss der vor Zufriedenheit über seine Sprünge glucksende Wolfgang so ungeschlacht an seinem Ruder, dass es entzwei brach. Fortan wurde nicht mehr gerudert, sondern gepaddelt. Trotzdem gelang es das Boot auf Umwegen, unter Anleitung des Steuermannes Alex, sicher in den Hafen zurückzubringen. Doch, ach, war das Gelächter der Umstehenden groß als sie das wie betrunken und waidwund schlingernde Boot von Ferne kommen sahen. Eine Demütigung, die Wolfgang mit den Worten „Ah so a Scheiß!“ quittierte. Der emphatische Martin lachte am lautesten.

2001

Teilnehmer: Alex, Wolfgang, Markus K., Schneida und Markus

   Und abermals wurden Jungrekruten an der Hand genommen. Schneida, ein Schöngeist vor dem Herrn, und Markus K., ein finsterer, aber auch herzlicher Gesell, begleiteten uns auf unserem bisher letzten Seminar. Es sollte leider auch das kürzeste werden. Oh wie ungerecht war in diesem Sommer das Wetter zu uns. Bei strahlendem Sonnenschein gewannen wir das Waldviertel. Schon hatten wir alles für die alljährliche Eröffnungsgrillerei ge­rich­tet. Das Feuer loderte herzerwärmernd, da setzte unfair der Regen ein... Wir nahmen das Nachtmahl bei MC Donalds in Zwettel ein. Am nächsten Morgen ein kurzer Hoffnungsschimmer in Form von zarten Sonnenstrahlen. Doch auch jener wurde durch ein heraufdräuendes Ge­witter zerschmettert. Immerhin, Wolf­gang gelang in seiner Funktion als Brandmeister, ein Meisterwerk. Nach stundelangem Ringen mit feuchtem Holz, schlechtem Zündwerkzeug und hin­der­slichem Wind, entfachte er doch noch ein Feuer, dass uns die freudige Vernichtung unserer Grillvorräte ermöglichte. Schneida beeindruckte uns dabei alle mit fachmännisch eingebeizten Grillsteaks. Seine Mutter hatte wirklich Großes geleistet. Ein Wolkenbruch biblischen Ausmaßes spülte allerdings, kaum war der letzte Bissen verschlungen, auch die letzten Hoffnungen auf eine erfolgreiche Fortsetzung unseres Aufenthaltes davon. Nach nicht einmal 24 Stunden mussten wir, den Naturgewalten zürnend, das Feld räumen. – Schnief. Fortsetzung folgt ... mk

... weiter geht's mit Ottenstein Reloaded!







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Nockad in mei'm Zöt

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