Die Schweinepriester-Chronicles
W-Bär, 19.12.2005
   Angefangen hat alles mit einem kleinen, unschuldigen Mail. Am 6.2.2004 blitzte plötzlich und unvermutet ein kleiner Geistesblitz über meiner Rübe auf. Flugs und ohne Rücksicht auf Verluste schickte ich daraufhin meinem LL-Vize Schneida ein Mail mit einem folgenschweren Vor­schlag. Man könnte sich doch jetzt wo Martina die feine Klinge der Wunden­schminkerei beherrscht, zwei Tage Zeit nehmen und einen weiteren Kurzfilm in Angriff nehmen, bei dem hauptsächlich geblutet und gemordet wird. Es fielen Phrasen wie: „viel Zeitlupe", „harte Musik", „John-Woo-Chinesa-Action-Ästethik", „Reservoir Dogs-Style" und „10-15 Minuten lang". „Bloody French" sollte schließlich erst der Anfang unseres filmischen Schaffens gewesen sein.
   Am 16. Februar dachte ich mir nichts Böses, als ich meine Mailbox öffnete. Der Don (aka Schneida) hatte sich meinen Vorschlag doch tatsächlich zu Herzen genommen und geantwortet. Und nicht nur das: er schien Feuer und Flamme zu sein und warf mit Begriffen und Namen wie Sergio Leone, Sam Peckinpah, nervöse Schwitz­gesichter, The Good, the bad & the Ugly, dreckige Polizeifilme aus den 70ern, viel Mord und Mut zur Hässlichkeit nur so um sich.
   Keine 45 Minuten später erhielt der Schreiber dieser Zeilen ein zweites Mail. Und damit kam der Nierenstein nun endgültig ins Rollen. Schneida übermittelte einen ersten grob skizzierten Plot. Es folgt ein kleiner Auszug:
   „7 (?) korrupte Polizisten: Jerky Mc Coy, Mick the Dick, Zyclops Anderson (Augenklappe), Nosey Kandinsky (Kokser) ... Durch einen Insidertipp aus dem Kommissariat, erfahren sie von einer Möglichkeit an Geld zu  kommen (Geld- oder Drogentransport, Entführung?); wollen die Chance nützen um auf den Job zu scheißen, ihre Schulden (Spielschulden, Alimente, Drogen, ...) zu bezahlen, abzuhauen, (nach Mexiko??) um dort ihr verkommenes Leben weiterzuführen (saufen, koksen, spielen ...) Da die Bullen Pfeifen sind, machen sie alles falsch. Entkommen und flüchten wohin (?????), da die Polizei nach ihnen sucht, da sie erkannt wurden, suchen sie nach einem Ausweg (zu viel "Reservoir Dogs"???) Optik: 70er-Jahre (Kleidung, Frisur) vermischt mit aktueller Zeit (Musik, Waffen, Autos); dreckige, verschmierte, unsympathische Darsteller (unrasiert, schwitzend...); Sabotage - Beastie Boys meets Sergio Leone".
   Außerdem war da auch noch zu lesen: "Drehzeit: ein Wochenende irgendwann zwischen Februar und April (um keine lieblichen Frühlingsaufnahmen im Freien zu riskieren, kalte Spät-Winter Optik!! Geschwitzt wird bei Innenaufnahmen)" Lustig. Vor allem die Passage mit dem einen Wochenende.
   Die Ereignisse überschlugen sich. Ohne Zeit zu verlieren wurde umgehend LL-Vize #2 Markus B. hinzugezogen und gebrieft. Sein schelmisches Grinsen ließ böses erahnen. Und wir sollten recht behalten.
   Drei Tage später kam Schneida's 3. Elaborat. Betreff: „Die Schweinepriester": quasi die Geburtstunde unserer Film-Alter-Egos. Zumindest der Filmtitel stand somit fest. Projekttitel: „Die Schweinepriester" und (Untertitel)/oder „14 Fäuste für ein Halle­luja" oder „Blaue Bohnen für blöde Bullen"! Und das war's dann.
   Schneida's kreativer Höhenflug war damit aber noch lang nicht vorbei. Am 27. Februar folgte der erste offizielle Treat­ment-Entwurf der SP. Markus und meine Wenigkeit waren sichtlich begeistert und sezierten Schneida's autorische Aus­düns­tung, um zu sehen was ohne Kohle und mit wenig Aufwand wirklich machbar war und was nicht. Geplant war ein Wochenende, maximal zwei (hör ich da jemanden lachen?!?) in Maria Taferl, jener mayerhoferlichen Residenz, die bereits Bloody French einst des nächtens als Kulisse diente. Es folgten unzählige logistische  Mails mit diversen Plot-Änderungen, Terminvorschlägen und  anderem organisatorischen Quargl.
   Dann ging's ans Eingemachte: nämlich ans Casting. Dass die sieben glorreichen Freunde vom letzten Mal wieder alle mit von der Partie sein sollten, war von vornherein klar. Vor allem Christian's (aka fretless) Motivationssicherung knallte in Folge mehrmals durch. Der Gute war zu Beginn dermaßen auf hundertachtzig, dass er uns mit Mails nur so zuschüttete. Egal ob es nun um selbstgebastelte Steadycams, Audio-Equipment oder Mikrofonangeln ging. Am 27. März 2004 wurde am heimischen Kübel zum ersten Mal überhaupt mit Special/FX-Shots herum­ex­peri­men­tiert. Ergebnis: ein erster Clip mit Mündungsfeuer und Schussgeräuschen. Gar nicht übel für den Anfang. Digitaler Videoschnitt macht's möglich. Nun konnte uns nichts mehr aufhalten.

1. Drehtag, 17. April 2004, Location: Alberner Hafen   

   Am 17. April war's dann endlich so weit: unser erster Drehtag. Es sollten auf die schnelle ein paar Vorspann-Szenen ge­dreht werden, die im Film dazu dienen sollten die acht Hauptcharaktäre vorzu­stellen. Es war sehr lustig, es hat uns sehr gefreut. Zumindest bis wir uns dann den Mitschnitt angeschaut haben. Eine der Kameras war leider ziemlich verdreckt, von fachgerechter Beleuchtung war so­wie­so keine Spur und die Kameraarbeit selbst war eher bescheiden. So sehr uns auch der Ärger im Nacken saß, unser Wille war nach wie vor ungebrochen. Es wurden die ersten Überlegungen zum Soundtrack angestellt. Es sollte ein ververschwitztes Gebräu aus sexy 70s Soul, Funk und Rock werden: Curtis Mayfield, Isaac Hayes, James Brown, Jimi Hendrix, Ennio Morricone u.a. Kapazunder tanzten durch unsere vermaledeiten Gehirngänge. Dank Schneida's Job in einer hiesigen Bücherei wurden wir in Folge kiloweise mit „Pulp Fusion"-CDs eingedeckt, die allesamt mit den granatenschärfsten 70s-Klassikern aller Zeiten bestückt waren. Das hatte Lack und wir unseren Soundtrack. Und dank Owen Wilson und Ben Stiller entdeckten wir zu dieser Zeit auch ein junges Talent namens Theodore Shapiro. Ein Glücksfall sondershausen! Jener welchiger hatte nämlich unter anderem eine fulminante Jahrhundertnummer für das 2004er Remake von „Starsky & Hutch" komponiert: „Two Dragons". Das (in)offizielle (geborgte) Theme der Schweine­priester. Passt wie Schwein zu Pommes!

Ab nach Taferl

   Am 24. April 2004 versammelten wir uns erstmals allesamt jungfräulich (rein meta­phorisch gesprochen natürlich) in Maria Taferl und die erste  Klappe hallte durch die Gänge. Und das war dann auch so ziemlich der Anfang vom Ende. Nach dem Wochenende waren wir um einige Erkenntnisse reicher: 1. Wir brauchten mehr Zeit. 2. Wir hatten (und haben!) von Beleuchtung keinen Schimmer. 3. So ein ganzes Wochenende quasi am Set ist gar nicht einmal so unanstrengend und 4. Das Treatment musste rigoros umgemodelt werden. Und das taten wir dann auch. Unser Treatment veränderte sich in den folgenden Monaten ständig. Schneida, Markus und ich verbrachten im letzten Jahr unzählige Abende und Sonntag-Nachmittage damit Szenen zu zerlegen, uns Kameraeinstellungen zu überlegen und Dialoge zu schreiben, während Frau K (aka Martina) dabei manchmal die Oberaufsicht übernahm und uns aufgrund unserer teilweise mehr als bescheuerten Vorschläge ziemlich oft einbremsen musste.
   Auch selbst vor Ort, während der Dreharbeiten wurde noch fleißig aus- und nachgebessert. Wann immer wir noch jemanden fanden, der mitspielen wollte, musste eine neue Rolle ausgetüftelt und geschrieben werden. Und nichts leichter als das. Das Ganze hatte nur einen nicht unerheblichen Nebeneffekt: je mehr Änderungen gemacht wurden, desto umfangreicher wurde die Geschichte und desto mehr zogen sich die Dreharbeiten in die Länge. (Ein, maximal zwei Wochenenden. Hallooooooo?!?) Es hat schon einen Grund warum bei professionellen Filmp­roduktionen in der Regel zuerst das Drehbuch geschrieben und erst dann der Film gedreht wird. Wir haben's genau anders rum gemacht. Und dazu gibt's eigentlich nur eins zu sagen: Bitte nicht nachmachen. Aber wirklich: bitte nicht!

Die Marketingmaschine rollt

   Da wir marketingtechnisch bei den ganz Großen gelernt haben („Godzilla"!!!) wussten wir, dass, selbst wenn der Film noch einige Monate (Einschub: die Betonung lag nach wie vor bei Monate und nicht bei über EINEINHALB JAH­REN!!!!!) bis zur Fertigstellung brauchen würde, so schnell wie möglich eine Homepage hermusste. Und da wir uns bekanntlich nicht lumpen lassen, haben wir auch gleich an zwei schneida-bauerw-bärlichen Sondersitzungen ausführliche Biographien sämtlicher SP (inklusive Querverweisen und dem einen oder anderen Fauxpas aus jüngeren Jahren) ersonnen. Der nächste Schritt war dann die Konzeptionierung einiger kleiner Teaser/Trailer, die die Zeit bis zur Film­fertig­stellung ein wenig überbrücken sollten. Zwei dieser kleinen Kurzfilmelaborate („Casablanca" und „American Scream") tummeln sich bereits auf der SP-Homepage, ein dritter war zwar auch geplant ('Matrix' oder 'Star Wars'), wurde aber nie realisiert. Schade eigentlich. Hatte ich doch gar dem Kollegen Zyclops schon ein pipifeines Laserschwert gebastelt.

Die Rohschnitt-Experience

   Zwischendurch gab's immer wieder klei­ne Screenings (Achtung, cooler Filme­mach­er-Jargon!) bei denen man sich die neuesten, von mir zu­sam­men­ge­schus­tert­en, Rohschnitte zu Gemüte führte. Was zur Folge hatte, dass der harte Kern des SP-Ensembles und sämtliche Taferl-Dauergäste den Film mittlerweile in und auswendig kannten. Und das wiederum führte zu furchtbar nervigen Mit­sprech­chör­en. Da „Die Schweinepriester" ja durchaus als Hommage verstanden wer­den soll und wir uns absichtlich im reich­haltigen Filmzitate-Fundus der letzten Jahrzehnte bedient haben, reißt's mich jetzt noch, wenn ich einen Film sehe, bei dem eben eines jener Zitate vorkommt. PTSD (post traumatic stress disorder) nennt man das glaub ich. Aber es kam noch schlimmer. An manchen Dreh-Wochenenden wurde sich überhaupt nur noch in SP-Zitaten unterhalten. Ja, auch das ist möglich. Schau dir „Die Schweinepriester" an, lern ihn auswendig und du kommst mühelos durch's Leben. „Kannst es dir ja überlegen."
   Ganz schlimm war es auch immer dann, wenn eine Szene aus dramaturgischen Gründen gekürzt werden musste und entsprechende Textzeilen einfach gestrichen wurden. Da kam der gute Mitgrölchor stellenweise ganz schön ins stottern. Na so ein Pech aber auch.

Ein Ende ist in Sicht

   Aus den veranschlagten zwei Dreh­woch­en­enden sind alles in allem 33 Drehtage (9 (!) Wochenenden davon in Taferl) und unzählige Sonntagnachmittage, die für Treatment-(Vor)besprechungen und der­gleichen draufgegangen sind, geworden. Wie vielen Käsekrainern und Schweins­baucherln so im Laufe des letzten Jahres tatsächlich der Garaus gemacht wurde, kann leider nicht mehr nachvollzogen werden. Von den vielen leeren Bierkisten („Und wenn i was ned brauch, dann is' des, dass'ma des Bier ausgeht!" Gelle, Wolf­gang?) ganz zu schweigen. Aber das ist wahrscheinlich gut so.
   22 Monate (!), knapp 1200 (!!) Fotos und 291 GB (!!!) Filmmaterial nach dem ersten schweinepriesterlichen Mail, ist am 7. Dezember auch endlich die letzte Klappe gefallen. Jetzt müss'ma den SP nur noch den letzten Schliff verpassen und spätestens am 28. Jänner bei der Premiere verschenk ich meinen Küb'l *) und gönn mir den Rausch meines Lebens! Hochherzlichst, W-Bär

*) Küb'l, der; umgangssprachlich für Personal Computer. Und das war jetzt natürlich gelogen. Hat jemand eine Film-Idee für's nächste Projekt? Vorschläge bitte an esmuasswosweidagehn@leiwande lounge.at









Links:
Die Schweinepriester
Premiere - Info
SP-Trailer

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