Tautoplasmus
Prof. Dr. Weber, 3.5.2002
    Werte Kollegschaft, unlängst erst plagte uns alle wieder einmal die essentielle Frage wo eigentlich der Unterschied zwischen einer Tautologie und einem Pleonasmus liegt. Kollege Bauer meinte unverdrossen der einzige Unterschied liege in der Herkunft des Wortes. Das eine sollte griechischen Ursprungs sein, das andere aus dem Lateinischen kommen. Nun, dies ist ebenso unzutreffend wie der Einwurf des Kollegen Snaidaire, der wacker gegen alle dargebotenen Theorien hielt und behauptete, dass Pleonasmen und Tautologien nichts anderes als Alle­gorien seien. Um mit allen Spe­ku­la­tionen nun ein für allemal Schluss zu machen habe ich mich zu diesem Thema einer philosophischen wie sprachwissenschaftlichen Exkursion hingegeben und möchte Ihnen nun die Ergebnisse meiner gebeutelten Inmichgehung offenbaren.
   Der heutige Wissensstand lehrt uns folgendes: Die Tautologie ist einerseits (philosophisch gesehen und in der Logik betrachtet) so viel wie ein Zirkelschluss; sie beherbergt im weiteren Sinne alle analytischen Urteile, bei denen Subjekt und Prädikat sowohl der Sache wie dem Begriff nach identisch sind. Andererseits ist die Tautologie stilistisch gesehen eine rhetorische Figur, in der bedeutungsgleiche Wörter aufgezählt werden ("immer und ewig" oder "nackt und bloß"); zu unterscheiden ist sie sehr wohl vom Pleonasmus, bei dem ein Begriff mit einem Attribut versehen wird, das selbstverständlich ist und daher auch keine neue Aussage macht ("weißer Schimmel"). d.h. also der Pleonasmus (aus dem griechischen kommend) ist eine rhetorische Figur, in der ein Begriff noch mit einem an sich selbstverständlichen Zusatz versehen wird. Ein Pleonasmus kann eine Aussage besonders eindringlich und anschaulich machen (z. B. "heiße Glut"), kann aber auch zu einer sinnlosen Verdoppelung führen (z. B. "runder Kreis").
   Unter einer rethorischen Figur (oder auch einer allgemeinen literatur­wissen­schaft­lichen Redefigur) versteht man jede sprachliche Wendung, die von der kürzesten, "eigentlichen" Redeweise abweicht; in erster Linie das Mittel der Kunstrede, doch auch in der Umgangssprache weit verbreitet. Die wichtigsten rhetorischen Figuren sind: in der Wortwahl (Tropus): Hyperbel, Synekdoche (dazu Pars pro toto), Periphrase, Archaismus, Euphemismus, Metonymie, Metapher und Symbol; in der Wortverbindung: Hendiadyoin, Pleonasmus, Tautologie, Katachrese, Oxymoron, Litotes; im Satzbau: Anapher, Chiasmus, Ellipse (Syllepsis und Zeugma) und rhetorische Frage; in der Gedankenführung: Paralipse (Präterition), Prokatalepsis, Aporie, Prosopopöie, Parabel und Allegorie.
   Und um abschließend noch auf den Einwurf des Kollegen Snaidaire einzugehen: Eine Allegorie (ebenfalls aus dem griechischen stammend und vor allem auf Literatur und Kunst zu beziehen) ist, wie unsere Kollegin Konecsny bereits richtig anmerkte die bildliche Umschreibung eines Begriffs, Vorgangs oder Zustandes, meist durch Personifikation (z.B. Liebe als Amor, Tod als Sensenmann, Angst als Furie). In der Spätantike weit verbreitet, wurde sie von Gottfried von Straßburg in die höfische Dichtung, um 1210, übernommen und spielte in der ausklingenden Ritterdichtung besonders als Minneallegorie eine große Rolle. Im Barock wurden Allegorien erneut beliebt. Gottfried von Straßburg, ein mittelhochdeutscher Epiker, schrieb gegen 1210 nach einer Vorlage des Thomas von Britanje das höfische Versepos Tristan. Gottfried war ein hoch gebildeter Städter und ein geistreicher Meister des formvollendeten, musikalisch süßen Stils. Anstelle der ritterlichen Bewährung im Abenteuer erhob er die schicksalhafte Liebesleidenschaft (die Minne) zum höchsten Lebenswert. Ihr treu ergebener, Prof. Dr. Weber

Nachtrag:
Marquis de Snaidaire begehrt die nachstehende Gegendarstellung:

  "Sie geben auf ihrer Website "geschmeidiges", update vom 3. Mai 2002 in einem mit "Prof. Dr. Weber erklärt die Welt ... Tautologie & Pleonasmus" betitelten Artikel die Behauptung wieder, der Marquis de Snaidaire hätte "unlängst" festgestellt, dass "Pleonasmen und Tautologien nichts anderes als Allegorien richtig: Der Marquis de Snaidaire hat niemals eine derartige Behauptung geäußert. (zumindest kann er sich nicht daran erinnern). Dr. jur. Wolfgang Berger, Kanzlei Dr. Berger, Berger & Berger

Werter Herr Dr. jur. Berger!
Ihr Mandant begehrt, bezugnehmend auf die Veröffentlichung unseres Klienten Prof. Dr. Weber, eine Gegendarstellung, in der der Marquis mit Nachdruck darauf hinweist, dass der von Prof. Dr. Weber dargestellte Sachverhalt in dem Elaborat 'Pleonasmus & Tautologie" schlicht unrichtig ist.
   Nach expliziter Befragung einer bezeugenden Drittpartei, Frau Martina Konecsny konnte durchaus festgestellt werden, dass der intellektuelle Einwurf einer "Allegorie" tatsächlich stattgefunden hat. Zu unserem Bedauern jedoch konnte Frau Konecsny weder den Urheber des Einwurfes noch den genauen Zeitpunkt der Einwerfung nennen. Leider sehen wir uns hiermit aufgrund der uns dargebotenen Beweislage gezwungen unseren Mandanten Prof. Dr. Weber um gehend aufzufordern ihre Gegendarstellung beim nächsten Seiten-Update der Öffent­lich­keit zugänglich zu machen. Prof. Dr. Weber erklärte sich in Folge auch bereit den Webmaster der Internetseite „8ung.at/geschmeidiges“ diesbezüglich zu informieren und ihm einen entsprechenden Textauszug zur Verfügung zu stellen.
   Allerdings nur unter Vorbehaltung der Tatsache, dass unser Mandant auf Anraten unsererseits noch weitere Zeugenaussagen einholen wird, da ihr Mandant selbst zu Protokoll gegeben hat sich an den tatsächlichen Tatbestand „nicht mehr erinnern zu können“ und der Marquise nach diversen Zeugenaussagen zum Zeitpunkt der von Prof. Dr. Weber reklamierten, intellektuellen, allegorischen Einwerfung unter massivem Alkoholeinfluss stand.) Wir hoffen dass hiermit der Gerechtigkeit genüge getan wurde und verbleiben mit kollegialen Grüßen John Cage, Kanzlei Cage & Fish






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