Eine kleine Weihnachtsgeschichte
Frau K, 11.12.2006
   Ja, ja ... es weihnachtet wieder. Auf jedem vier Quadratmeter großen Platz in Wien hat ein Punschstand eröffnet, in den Kaufhäusern laufen die Weihnachtshits in der Endlosschleife, und die Berufsnörgler dürfen anhand der Verdrängung des Christkinds wiederholt unseren Kultur­verfall beweisen. Wir zerbrechen uns den Kopf darüber, welche Sockenfarbe dieses Jahr als Geschenk für unsere Lieben dran ist, und wann sich das überhaupt ausgehen soll, die Weihnachtsgeschenke zu besorgen. Ein sauteurer Baum will ja dann auch noch gekauft und mit noch unverschämt teureren Kugeln behängt werden. Und das Weihnachtsgeld war wieder einmal ein kurzer Gast auf unserem leergeräumten Konto. Ganz ehrlich, warum tun wir uns das eigentlich jedes Jahr an?
   Welche Sehnsucht, welches Bedürfnis, welche Traditionen stecken hinter diesem Fest, dem man sich in unseren Breitengraden so schwer entziehen kann? Schließlich könnte man/frau ja die gewagte Behauptung aufstellen, dass dem Osterfest aus christlicher Sicht eine größere Bedeutung zukommen müsste. Und doch ist Weihnachten das Fest, an dem auch ansonsten weniger religiöse Menschen die Begeisterung packt. Fragt sich nur die Begeisterung wofür? Wie viel hat so ein mitteleuropäischer Tannenbaum eigentlich mit der Geburt eines Kindes im Orient vor 2000 Jahren zu tun? Solchen und ähnlichen Fragen möchte ich in meiner kleinen Weihnachts-Geschichte nachgehen und sehen, welche interessanten Antworten sich vielleicht finden lassen.

Die Anfänge

   Warum nicht am Anfang beginnen? Der liegt nämlich nicht im Jahr Null in Bethlehem, sondern im 4. Jh. n.Chr. in Rom. Um 350 setzte sich dort der Brauch durch, den Geburtstag Jesu am 25 Dezember zu feiern. Zum Zeitpunkt des Konzils von Konstantinopel 380/381 war es dann sozusagen bereits offiziell, allerdings wurde in Jerusalem selbst erst im 6. Jh. Jesu Geburt im Dezember gefeiert. In der armenisch apostolischen Kirche wird Weihnachten übrigens am 6. Jänner, und in der russisch und serbisch orthodoxen Kirche am 7. Jänner gefeiert. Für Rom bat sich der 25. Dezember deshalb an, weil zu diesem Zeitpunkt die römischen Saturnalien als mehrtägiges, recht ausschweifendes Fest abgehalten wurden, und auch im Mithraskult, der lange Zeit mit dem jungen Christentum konkurrierte und es nicht unwesentlich beeinflusste, war dieses Datum der höchste Feiertag. Abgesehen davon, dass es ganz allgemein eine beliebte Taktik neuer Glaubensrichtungen war, die Feiertage der etablierten Religionen mit eigenen zu ersetzen, um den neuen Mitgliedern den Übertritt zu erleichtern, ist es durchaus auch kein Zufall, dass sich rund um dieses Datum in vielen Kulturen hohe Feiertage finden. In nordischeren Regionen fällt beispielsweise das Julfest, das die Kelten feierten, in diese Zeit. Alle diese Festtage haben ein Thema gemeinsam, das Licht, oder genauer gesagt die Sonne. Was an uns heute dank unserer elektrischen Dauerbeleuchtung beinahe völlig vorübergeht, ist das Erlebnis, dass im Lauf des Dezembers die Sonnenstunden immer weniger werden, bis wir um den 21./22. Dezember die Wintersonnenwende, also die längste Nacht des Jahres und darauf folgend die Rückkehr der Sonne erleben dürfen. Unsere keltischen Vorfahren hat dieses kraftvolle Naturschauspiel vor weit über 2000 Jahren wohl um einiges mehr beeindruckt als uns heute. Nichtsdestotrotz scheint sich das Bedürfnis, diese Zeit zu feiern - manchmal auch unabhängig von der religiösen Einstellung – bis heute gehalten zu haben, und nicht wenige unserer Weihnachtsbräuche lassen sich auf das keltische Julfest zurückführen. Was übrigens die Geburt Jesu betrifft, so wissen Theologen heute mit ziemlicher Sicherheit zu berichten, dass diese nicht im Dezember stattgefunden hat.
   Forschungsbemühungen in diese Richtungen gibt es vor allem im Bereich der Astronomie. Wissenschaftler versuchen nämlich herauszufinden, um welches astrologisches Phänomen es sich bei dem Stern von Bethlehem gehandelt haben könnte, und danach ein Datum zu bestimmen. Demnach könnte Jesus etwa im April 6 v.Chr. geboren worden sein.

Die Tradition

   Mit der Tradition ist das so eine Sache, sie wird oft bemüht, um den eigenen rechtmäßigen Anspruch zu untermauern. Tatsächlich ist es aber so, dass das heute gefeierte familiäre Weihnachtsfest aus einer Imagekampagne des 19. Jh.s entstand. Davor dürfte es sich um ein eher ausschweifendes Sauffest mit reichlich heidnischen Bräuchen gehandelt haben. So lehnten die reformierten Kirchen, also die Presbyterianer, Quäker und Puritaner, die nach Amerika ausgewandert waren, Weihnachten als ihrer Meinung nach heidnisches, nicht biblisches Fest prinzipiell ab. Aus diesem Grund wurde in Gegenden, in denen diese Kirchen sehr dominant waren (New England, Pennsylvanien) das Weihnachtsfest bis ins 19. Jh. nicht gefeiert, und jemand, der am 25. Dezember nicht zur Arbeit erschien, konnte gekündigt werden. Erst als man mit der Besinnung auf familiäre Werte und das eigene Heim dem ausgelassenen Feiern entgegenwirkte, etablierte sich unsere heutige Vorstellung von Weihnachten. Auch der Weihnachtsbaum, der zuvor nur den Fürstenhäusern vorbehalten war und zunächst von protestantischen Bürgerfamilien übernommen wurde, wurde erst in diesem Zusammenhang auch in katholischen Familien nach und nach zum zentralen Ort der Weihnachtsfeier.
   Überhaupt ist der Weihnachtsbaum an sich ein interessantes Thema, das uns zum nächsten Punkt führt, der Herleitung einiger Weihnachtsbräuche aus dem keltischen Julfest. So bin ich im Lauf meiner Recherchen sehr häufig auf die Erklärung gestoßen, der Tannenbaum im Haus zur Mittwinterzeit wäre ein uralter keltischer Brauch, der später vom Christentum übernommen wurde, und der immergrüne Baum symbolisiere die Rückkehr des Lebens in der Natur. Auch anderen immergrünen Pflanzen, wie der Stechpalme (Holly) oder Mistelzweigen wird eine ähnliche Bedeutung zugeschrieben. Im skandinavischen Bereich, der erst relativ spät ab dem 10. Jh. christlich missioniert wurde, finden sich im Volksbrauchtum auch heute noch viele Symbole keltischen Ursprungs, wie zum Beispiel der Julbock, der zumindest allen fleißigen Ikea-Besuchern bekannt sein wird. Dieser bringt in Skandinavien die Geschenke und soll von den zwei Ziegenböcken hergeleitet sein, die Thors Schlitten gezogen haben. Es scheint jedenfalls eine Menge Leute zu geben, und ich zähle mich durchaus auch selbst dazu, die von diesem alten, naturverbundenen Glauben fasziniert sind. Aber im Endeffekt muss man/frau sich gerade hier die Frage gefallen lassen, ob nicht vielleicht durch diese Konstruktion einer langen Tradition Anspruch auf die Authentizität der eigenen Wunschvorstellungen erhoben werden soll? Wissenschaftlich gesehen sind viele dieser Behauptungen nämlich deshalb zumindest nicht beweisbar, weil es aus dieser keltischen Zeit sehr wenig schriftliche Überlieferung gibt.

Christkind vs. Weihnachtsmann

   Die Streitfrage schlechthin ist heute aber sicher jene, ob nun das Christkind oder der Weihnachtsmann mehr Anrecht darauf hat, die Geschenke zu bringen. Der Brauch des sich gegenseitig Beschenkens ist interessanterweise ebenfalls in mehreren Kulturen zu finden und war sowohl Bestandteil der römischen Saturnalien als auch des keltischen Julfestes. Besonders traditionsorientierte Menschen sind heute der Meinung, das süße, liebliche Christkind wäre zuerst da gewesen und dürfte vom dicken, amerikanischen Weihnachtsmann nicht verdrängt werden. Doch genau genommen ist das nicht ganz richtig. In katholischen Familien war es nämlich über Jahrhunderte Brauch, dass Kinder und Dienstleute am 6. Dezember, also vom heiligen Nikolaus, beschenkt wurden. Martin Luther ließ sich ursprünglich für die evangelische Kirche die Variante mit dem Geschenke austeilenden Jesuskind einfallen, da er die Heiligenverehrung ablehnte. Dies erklärt auch die räumlich begrenzte Bekanntheit des Christkinds im deutschsprachigen Raum. Aufgrund der wachsenden Beliebtheit des kleinen Jesuskindes übernahm irgendwann auch die österreichische katholische Kirche diesen Brauch. Dass das Christkind heute von den meisten als weiblich gesehen wird, hängt wohl mit der Darstellung als kleines blondgelocktes Engelswesen zusammen.
   Während sich in unseren Breitengraden also langsam aber stetig das Christkind als Gabenbringer durchgesetzt hat, hatten die niederländischen Einwanderer ihren Sinterklaas mit nach Neu Amsterdam genommen, wo dieser seine Entwicklung zum beleibten, Schlitten fahrenden Mann mit Rauschebart durchmachte. Wenn da nicht Coca Cola den lieben Weihnachtsmann für seine marketingtechnischen Zwecke missbraucht und damit seine Rückkehr nach Österreich erzwungen hätte, könnte man den Siegeszug des Weihnachtsmanns doch fast auch als späte amerikanische Gegenreformation deuten.

Weihnachten heute

   Was bleibt uns also heute abgesehen von dem Konsumzwang, der Kitschorgie und der Erkenntnis, dass Weihnachten zu allen Zeiten ein Fest war, in das alle möglichen Leute alles Mögliche hineininterpretiert haben? Ich finde es schon faszinierend, dass es anscheinend so etwas wie ein grundsätzliches menschliches Bedürfnis nach einem Ausstieg aus dem Alltag, dem Feiern einer besonderen Zeit und dem Zusammensein mit Familie und Freunden gibt. Und ist die Vorstellung, dass wir, wenn wir mit den vorherrschenden Traditionen nicht einverstanden sind, die Freiheit haben, wie andere vor uns, unseren eigenen Weg zu suchen, um diesen Bedürfnissen gerecht zu werden, nicht inspirierend und befreiend? Es gibt so viele Möglichkeiten, diese Wintersonnenwende und/oder die Geburt Jesu zu einer wunderschönen, wertvollen Zeit für uns werden zu lassen. Alles, was es dazu braucht, ist die Erkenntnis, dass keine Tradition schon immer so festgeschrieben war und den einzigen Weg vorgibt. Stattdessen ist ein wenig Besinnung auf das nötig, was wir eigentlich glauben und feiern wollen. Zugegeben, im vorweihnachtlichen Trubel ist es nicht immer leicht, einen klaren Kopf und ein unbeschwertes und nicht von ‚ich sollte noch so viele Geschenke einkaufen' - ersticktes Gemüt zu bewahren. Doch vielleicht liegt der tiefere Sinn dieser Zeit und jedes anderen Festtages gerade darin, unsere innere Stimme nach unseren eigentlichen Bedürfnissen zu befragen. Was auch immer sie dann jeder/m einzelnen von uns verraten wird. Frau K






Links:
Konzil von Konstantinopel
Weihnachtsmann
Christkind

_retour